Meinung

Kritisiert euch hart! Schluss mit der scheinheiligen New-Work-Harmonie

In Organisationen, in denen nicht gestritten wird, stimmt etwas nicht. Die New-Work-Szene klingt immer so awesome, bunt und gruselig harmonisch. Dabei gerät die Kernkompetenz von guter Arbeit ins Hintertreffen: der Umgang mit dem Unangenehmen.

Text: Lena Marbacher
Illustration: Martina Paukova

Zwei Kolleg*innen, die streiten

Wir sind ein großer bequemer Haufen, in Wohlstand lebender, gesättigter Dulder*innen. Kaum etwas bringt uns aus der Fassung, jeder Nachricht begegnen wir gelassen und gleichmütig: ein Terroranschlag da, ein kleiner Amoklauf dort, „Ach, der Hambacher Forst“ und „Oh, die armen sterbenden Fische im Meer“, der Ibiza-Skandal „war ja klar“. Hauptsache, wir fühlen uns wohl und fahren nicht aus der Haut. Das gilt bei der Arbeit, in der Beziehung zu Freund*innen und Partner*innen und im Sportstudio. Auf dem Weg zum guten Leben meditieren wir alles Disharmonische eiskalt weg. Wir sind schon so lethargisch, dass alles irgendwie okay ist. Aber verdammt noch mal, nichts ist okay! Wir haben viel zu wenig Wut in uns!! Es ist Zeit, aus der Haut zu fahren!!!

Bloß kein Stress

Jeden Tag gibt es viele Dutzend Situationen, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind, in denen wir einen Zustand nicht ideal oder ein Projekt noch nicht durchdacht genug finden, und meistens sagen wir nichts. Es ist schon in Ordnung, hauptsache, wir haben keinen Stress: nicht noch mehr Arbeit, Logistik, Aufwand. Wie oft sagen wir Ja zu Dingen, die unsere Grenzen überschreiten? Wie oft äußern wir unsere konträre Meinung nicht, weil wir denken, wir wären mit ihr allein? Wie oft lächeln wir etwas weg, obwohl wir es vollkommen bescheuert finden?

„Wir sind häufig so sehr damit beschäftigt, das perfekte New-Work-Paradies zu kreieren, dass wir vergessen, dass dazu unangenehme Gespräche gehören.“

Durch das immer mehr, schneller und weiter kommen wir innerhalb kürzester Zeit in einen stummen Modus des Abarbeitens und Erledigens. Am Ende eines jeden Tages sind wir froh, wenn wir alles halbwegs gut jongliert haben und fallen müde ins Bett. Und am nächsten Tag geht es weiter. Unser Glück ist die Unempörtheit.

Scheinheilige New-Work-Harmonie

Unsere Harmoniesucht sorgt dafür, dass wir der*dem einen Kolleg*in, die*der uns mit seiner Unzuverlässigkeit furchtbar auf den Senkel geht, kein ehrliches Feedback geben, aber uns dafür mit einem*r anderen Kolleg*in beim Mittagessen über ihn*sie auslassen. Sie sorgt dafür, dass wir Projekte mit weniger Anspruch verfolgen, weil alle anderen sagen: „Ist doch super so!“ Sie sorgt dafür, dass wir der*dem Kolleg*in, die*der nicht ins Team passt und dadurch die Gesamtleistung der Organisation schmälert, unaufrichtig gegenüber sind und keine Konsequenzen ziehen. Denn Auseinandersetzungen sind anstrengend und verlangen Kraft. In Zeiten des Wohlstands, in denen wir nicht mehr nur ums pure Überleben kämpfen, können wir den Luxus genießen, Organisationen zu bauen, in denen wir uns als ganze Menschen einbringen können. Wir sind häufig so sehr damit beschäftigt, das perfekte New-Work-Paradies zu kreieren, dass wir vergessen, dass dazu unangenehme Gespräche gehören. Auch in agilen, selbstorganisierten, ganzheitlichen Unternehmen gibt es schlechte Zusammenarbeit zwischen Kolleg*innen, Ärger, Kündigungen und Frust.

Sagt nein und aber!

Nun haben uns all die agilen Scrum- und Design-Thinking-Workshops das Aber ausgetrieben und uns mit dem Prinzip Defer Judgement zu alles einladenden Abnickern erzogen. Was häufig vergessen wird: Das gilt nur im Kontext eines Brainstormings und da macht es auch Sinn, denn da soll etwas Neues entstehen. Wenn es aber um den Grammatikfehler im Satz, die Powerpoint-Präsentation für Kund*innen oder den Ärger darüber, dass der*die Kolleg*in immer zu spät kommt, geht, gelten andere Regeln. Dann braucht es das Aber, damit sich etwas ändern kann. Trotzdem ist es okay, Fehler zu machen. Vor allem, wenn sie bewusst früh im Prozess gemacht werden und dazu dienen, beim nächsten Mal einen anderen Weg zu versuchen. Das nennt man dann Iterationsschleifen und prototypisches Denken. Übrigens: Keine Fehler zu machen, ist natürlich auch okay.

Wut ist die Triebfeder von Veränderung

Eine Welt ohne Streit, ist eine Welt ohne Veränderung. Denn Ärger, Wut oder Spannungen sind die Triebfeder jedes Umbruchs. Aber sind Veränderungen immer gut? Kann es nicht einfach mal so bleiben, wie es ist? Wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns just in dem Moment an einen neuen Zustand gewöhnt haben, in dem dieser bereits wieder eine Veränderung erfährt, fühlen wir uns häufig gestresst. Denn wenn wir Veränderungen per se negativ bewerten, lösen sie Stress aus. Unsere Haltung und Bewertung der Veränderung bestimmt also auch unseren Umgang mit ihr: Fühlen wir uns in der Lage, die Änderungen zu bewältigen? Ist die Herausforderung wirklich so bedrohlich? Differenzen zu ertragen, ist nicht immer leicht, und genau deshalb sollten wir daran arbeiten, besser darin zu werden mit ihnen umzugehen.

„Ein gutes Verhältnis zwischen Ordnung und Störung bewirkt, dass wir uns sinnvoll in die richtige Richtung bewegen.“

Um der Instabilität im Außen gegenüber gelassen zu sein, braucht es Stabilität im Innen. Kleine Routinen im Alltag sind wie sichere Stützräder: jeden Montagmorgen die Woche zu planen, zu priorisieren und sich eine Übersicht zu verschaffen, ist genauso hilfreich wie das abendliche Glas Wein am Küchentisch, während man ein paar wichtige Gedanken, Spannungen und Ideen notiert, an denen man in nächster Zeit arbeiten will.

Kritisiert euch hart! Radikalisiert euch zärtlich

Für eine gesunde Gesellschaft und vitale Organisationen braucht es konstruktive Störenfriede genauso wie die Kompetenz, mit unangenehmen Emotionen bewusst, respektvoll und konstruktiv umzugehen. Wenn die Beziehungen im Unternehmen stabil sind und wir Vertrauen haben, dann ist es leicht, sich zu streiten. Besser noch, es macht die Beziehungen sogar noch stabiler. Und gleichzeitig brauchen Organisationen Menschen, die es im richtigen Moment auch mal gut sein lassen können. Die wissen, wann das letzte bisschen Perfektion angebracht ist: nämlich bei der Veröffentlichung eines entscheidenden Papers. Oder wann gut auch mal gut genug ist: nämlich bei der Entscheidung, einen Prototypen zu testen.

Ein gutes Verhältnis zwischen Ordnung und Störung bewirkt, dass wir uns sinnvoll in die richtige Richtung bewegen. Das Mantra für kluge Transformation lautet deshalb:

Kritisiert euch hart! Denn das macht jedes gute Konzept, jedes Produkt, jede gute Idee und jeden guten Service noch viel besser. Radikalisiert euch zärtlich. Denn wer gerne kritisiert und dafür kritisiert wird, kann sich auch unbeliebt machen. Tut euch zusammen, hinterfragt euch selbst und seid sachlich konstruktiv. Das macht euch selbst besser.

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