Grundeinkommen: Zwei Menschen fliegen mit Fallschirmen aus Geldscheinen durch die Luft

Mut

Macht das bedingungslose Grundeinkommen mutig?

Text: Lukas Wohner
Illustration: Daniel Sulzberg

Selbstbewusst verhandeln, zur Not einfach kündigen und etwas Neues anfangen – das wagen nur wenige. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und 1.000 Euro, sicher an jedem Monatsende auf dem Konto, sähe das vielleicht anders aus.

Es ist 7:20 Uhr, als Luise Schweder ihren grauen Škoda parkt. Ihr ist nicht nach Aussteigen zumute. 26 Minuten ist sie hergefahren, von ihrer Wohnung in Rostock zur Arbeit nach Bad Doberan, im Rucksack auf dem Beifahrersitz ein weißes Kuvert. Darin: ihre Kündigung.

Nach nur einem Monat will Luise raus aus ihrem Job in der Physiotherapie-Praxis. Und das, nachdem sie dort sechs Monate auf sie gewartet hatten, weil Luise vor der Anstellung noch ihre Ausbildung beenden musste und eine Fortbildung machen wollte. Mit einem unverdächtigen „Guten Morgen!“ in Richtung der Kollegin am Empfang huscht Luise zu ihrem Spind, verstaut den Rucksack und schlüpft in ihre Sportschuhe. Nach ihrem ersten Patienten trifft sie ihren Chef im Pausenraum beim Frühstück. Gregor (Name geändert) ist ein Trainingspartner von ihrem Mann. Luise muss sich überwinden, ihn zu fragen, ob er später kurz Zeit für ein Gespräch hätte. „Na klar“, sagt Gregor und nickt.

Jede*r sechste hat innerlich bereits gekündigt.

So erzählt es die 25-Jährige heute, und so ähnlich könnten es viele andere erzählen in diesem Land. Rund 40 Prozent der Arbeitnehmer*innen können sich vorstellen, innerhalb eines Jahres zu kündigen, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage zu Jahresbeginn zeigte. Und jede*r Sechste hat innerlich bereits gekündigt, fand das Meinungsforschungsinstitut Gallup im Jahr 2019 heraus. Dennoch registrierte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2017 nur etwa 3,5 Millionen Betriebswechsel – das entspricht ungefähr einem Zehntel der Arbeitnehmer*innen. Was die anderen Kündigungswilligen abhält? Persönliche Gründe. Die fehlende Perspektive. Vor allem wollen sie hinterher nicht mit weniger dastehen. Ein Neuanfang bedeutet oft finanzielle Einbußen.

Das bedingungslose Grundeinkommen als Mut-Booster?

Das bedingungslose Grundeinkommen als Mut-Booster

Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro pro Monat erhält, hat diese Sorge nicht, sagen sie bei Mein Grundeinkommen. Der gemeinnützige Verein hat diese Summe bereits an 668 Menschen jeweils über ein Jahr hinweg ausgezahlt. Die meisten von ihnen haben nicht gekündigt, so die Beobachtung des Vereins. Sie haben aber verhandelt und ihren Arbeitsplatz angenehmer gestaltet. Überhaupt seien sie nach dem Gewinn mutiger geworden und mehr Risiken eingegangen. Und einige hätten auch umgeschult oder sich selbstständig gemacht. Das Grundeinkommen ist anscheinend ein Mut-Booster, auch wenn sich diese Aussage noch nicht verallgemeinern lässt.

Darüber könnte die Studie Aufschluss geben, die der Verein im Frühjahr 2021 mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) startet: 120 Menschen sollen drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich bekommen und dafür nichts weiter tun, als sieben Fragebögen auszufüllen. Weitere 1.380 Menschen sollen zum Vergleich im selben Zeitraum dieselben Fragen beantworten, ohne ein Grundeinkommen zu erhalten. Inzwischen haben sich rund 1,9 Millionen Menschen um die Teilnahme beworben. Wenn sich deutliche Effekte wie Verhaltens- und Einstellungsänderungen zeigen, sollen weitere Studien zu den Kosten und zur Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens folgen. Bislang arbeitet der Verein mit Spenden, aber sollte das Grundeinkommen eines Tages vom Staat eingeführt werden, müssten Steuergelder her.

Weinen vor der Arbeit

Als Luise sich während ihrer Ausbildung durch ein monotones, anstrengendes Praktikum nach dem anderen quälte, sagte sie sich, dass sie später mehr Freiheiten haben würde. Dass es in einer Praxis gar nicht so schlimm sein würde wie in einer Klinik. Dass alles besser würde. Ihr letztes Praktikum ist tatsächlich ein Lichtblick. Und dann gewinnt sie auch noch bei der Verlosung von Mein Grundeinkommen. Das war vor rund zweieinhalb Jahren. Fünf Monate später klappt sie ihren Laptop auf, um ihre Kündigung zu schreiben. Denn inzwischen weiß sie: Es ist nichts besser geworden.

Wenn sie abends nach Hause kommt, ist sie aufgelöst, morgens kann sie sich kaum zum Aufstehen motivieren.

Üblicherweise dauern Termine in der Physiotherapie 20 Minuten und beginnen jeweils zur vollen Stunde, um 20 nach und um 20 vor. In der Praxis, in der Luise arbeitet, dauern die Termine 25 Minuten und beginnen nicht zu festen Zeiten. Deshalb müssen die Angestellten ständig auf die Uhr gucken und nachrechnen, und es verhindert auch, dass sie sich in ihren Pausen begegnen. Mal Rat einholen? Kaum möglich. Aber dringend nötig, sagt Luise, denn eine Einarbeitung habe sie nicht bekommen: „Dabei kommst du da hin, direkt aus der Ausbildung, und kannst eigentlich nichts.“

Sie wüsste gern, wie sie effektiver behandeln könnte. Sie fragt sich, was sie mit Patient*innen macht, die sich am liebsten nur massieren lassen würden. Das sind nämlich fast alle. Ihr Daumengrundgelenk schmerzt vom vielen Kneten und Drücken schon nach zwei Wochen so sehr, dass sie fürchtet, die Entzündung könnte chronisch werden.

Wenn sie abends nach Hause kommt, ist sie aufgelöst, morgens kann sie sich kaum zum Aufstehen motivieren. Sie weint regelmäßig schon vor der Arbeit, sagt ihr Mann. Ob sie mal was zu ihrem Chef gesagt hat, versucht hat, etwas an ihrer Situation zu verbessern? Sie schüttelt den Kopf. „Dazu fehlte mir wahrscheinlich das Selbstbewusstsein.“

💡 Das ist das bedingungslose Grundeinkommen

Unter dem bedingungslosen Grundeinkommen verstehen wir eine regelmäßige existenzsichernde Zuwendung vom Staat. Anders als die aktuelle Grundsicherung ist die Summe dabei für alle gleich – und unabhängig von der Bedürftigkeit oder der Bereitschaft zu arbeiten. Dafür sollen je nach Modell einige oder alle steuerfinanzierten Sozialleistungen entfallen.

  • Der Verein Mein Grundeinkommen will wissen, was ein Grundeinkommen mit Menschen macht, und sammelt deshalb Spenden, um sie zu verlosen. Auf der Website finden sich viele weiterführende Informationen, auch zum „Pilotprojekt Grundeinkommen“.
  • Das Team der Expedition Grundeinkommen sammelt Unterschriften für Volksabstimmungen in fünf Bundesländern. Das Ziel: ein groß angelegter, staatlicher Modellversuch.
  • Die Forschungsgruppe R|UBI|CON untersucht die psychologischen Effekte des bedingungslosen Grundeinkommens. Noch liegen keine Erkenntnisse vor, dafür teilen die Forschenden ihre Fortschritte und spannende Lektüre zum Thema.

Wer in Armut lebt, wird risikoscheu

Dass Menschen einfach mal etwas riskieren, wenn sie redensartlich nichts mehr zu verlieren haben, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Forschung von Johannes Haushofer sagt sogar das Gegenteil: Wer in Armut lebt, wird risikoscheu. Der Professor an der US-amerikanischen Universität Princeton erforscht die psychologischen Folgen von Armut und ihre Wirkung auf ökonomische Entscheidungen. Demnach senken negative Emotionen und Stress die Risikobereitschaft.

Die These, dass Menschen mit einem Grundeinkommen demgegenüber mehr Risiken eingehen, klingt für ihn plausibel. In Kenia konnte Haushofer beobachten, was bedingungslose Geldtransfers der NGO GiveDirectly bei Menschen in Armut bewirkten: Es ging ihnen viel besser, sie waren zufriedener und hatten seltener Depressionen. „Doch dafür, dass mit dem Einkommen tatsächlich die Risikobereitschaft steigt, gibt es noch wenig kausale Evidenz“, sagt er. „Das gilt es jetzt herauszufinden.“

„Es braucht weiterhin Interessensvertretungen wie Betriebsräte und Gewerkschaften“.

Auch Christine Mayrhuber vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ist fasziniert von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dennoch ist es für die Ökonomin keine Zauberformel für eine bessere Arbeitswelt. Viele nehmen zwar an, dass ein Grundeinkommen den Arbeitnehmer*innen derart den Rücken stärkt, dass sie höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen können. Doch Mayrhuber ist sich sicher, dass es das Machtgefälle am Arbeitsmarkt nicht einfach verändern wird.

„Dafür braucht es weiterhin Interessensvertretungen wie Betriebsräte und Gewerkschaften“, sagt sie. Die Erfahrungen, die Individuen derzeit mit dem Grundeinkommen machten, ließen kaum Rückschlüsse auf die Gesamtwirtschaft zu. Würden die Betriebe vielleicht Menschen aus Ländern mit niedrigerem Lohnniveau ansprechen? Schließlich gilt in der Europäischen Union die Arbeitnehmerfreizügigkeit. „Das wissen wir nicht“, sagt Mayrhuber. „Es kommt beim Grundeinkommen zu lauter Wechselwirkungen, die wir noch nicht quantifizieren können.“

War ich mutig oder war es das Grundeinkommen?

Luise Schweder studiert inzwischen Gesundheitswissenschaften. Gerade hat sie ihre letzte Klausur in diesem Semester geschrieben. Sie schwärmt: Dass sie, die immer alles bis ins Letzte durchdenken musste, ohne Plan B gekündigt hat, führt sie auch auf das Grundeinkommen zurück. „Gib schon her“, habe ihr Chef gesagt, als sie mit dem Umschlag in seiner Tür stand. Mehr nicht. Sie gab ihm die Kündigung und ging aus dem Büro, nicht wissend, was als Nächstes kommen würde.

„Trotzdem ging es mir erheblich besser, weil dieser Schritt getan war, ein Ende in Sicht war“, sagt sie. Jetzt will sie die Arbeitsbedingungen in der Branche verbessern – als Managerin, die weiß, wie der Alltag wirklich ist. Oder vielleicht sogar als Politikerin. „Ich frage mich jetzt: Wo kann ich ansetzen, wo kann ich was ändern?“, sagt sie. Die Sicherheit, die ihr das Grundeinkommen gab, habe sie mutiger gemacht.

Dabei könnte es auch sein, dass Menschen mit Grundeinkommen gar nicht mehr so mutig zu sein brauchen. Schließlich ist da ja plötzlich ein kleines finanzielles Polster, das die Fallhöhe ihrer Entscheidungen reduziert.

Menschen unterschätzen möglicherweise den Einfluss den Grundeinkommens.

Die Frage „War ich mutig oder war es das Grundeinkommen?“ lässt sich nicht so leicht beantworten. „Kündigen zum Beispiel kostet sicher trotzdem eine bestimmte Überwindung“, sagt Johannes Haushofer. Der Psychologe kann sich aber vorstellen, dass Menschen unterschätzen, welchen Einfluss das Grundeinkommen auf ihr eigenes Verhalten hat. „Die Forschung dazu macht noch Babyschritte“, sagt er. Es sind Schritte vorwärts.

Mehr über das bedingungslose Grundeinkommen liest du im Artikel „Warum es an der Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist“.

Illustration: Jaqueline Kaulfersch

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