Klima

So kann eine regenerative Wirtschaft aussehen

Text: Taraneh Taheri
Illustration: Johannes Fuchs

Unsere Art zu wirtschaften vernichtet unsere Lebensgrundlage. Wir zeigen, wie der Wandel zu einem Wirtschaftssystem aussehen kann, das nicht nur weniger Schaden anrichtet, sondern auch regenerativ ist.

Intro

Neue Narrative ist ein Wirtschaftsmagazin. Uns geht es darum, ein klares Bild davon zu zeichnen, wie Wirtschaften und unternehmerisches Handeln in einer Welt aussehen können, die nicht nur die Klimakrise in den Griff bekommt, sondern unser ganzes System neu denkt. Denn unsere Wirtschaft hat einen Bug, und zwar keinen kleinen: Sie zerstört die Lebensgrundlage derer, denen sie eigentlich nutzen soll. Aber wie ist ein so gewaltiger Systemfehler überhaupt möglich?

Vereinfacht gesagt, stammt unsere Art zu wirtschaften noch aus dem 18. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Menschen sich nicht vorstellen konnten, dass natürliche Ressourcen endlich seien und das Klima sich ändere. Seitdem haben sich sowohl die Anzahl der Menschen als auch das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen mehr als verzehnfacht. Im Zusammenspiel der beiden Faktoren ist eine Weltwirtschaft entstanden, die in ihrer Größe und Form nur funktionieren kann, indem sie Raubbau an dem Fundament betreibt, das sie eigentlich tragen soll.

Wir brauchen eine Umkehrung ins Positive.

Den Earth Overshoot Day, also den Tag, an dem das jährlich vorhandene Ressourcenbudget verbraucht ist, erreichen wir mittlerweile halbjährlich. Vor rund 30 Jahren fiel dieser Tag noch auf den 19. Dezember. Seitdem wurden 10 Prozent der gesamten Urwaldfläche in den Tropen abgeholzt. Das zeigt, dass es schlichtweg nicht mehr ausreicht, Prozesse so anzupassen, dass weniger Ressourcen verbraucht werden. Wir brauchen eine Umkehrung ins Positive. Ein System, das uns und der Erde mehr zurückgibt, als es nimmt.

Wie das funktionieren kann, zeigt Bhutan, das aktuell einzige Land mit einer CO2-negativen Wirtschaft. Jährlich werden dort pro Kopf 1,6 Tonnen Kohlenstoffdioxid ausgestoßen, aber 6 Millionen Tonnen von heimischen Wäldern absorbiert. Zum Vergleich: In Deutschland wird pro Kopf jährlich die fünffache Menge ausgestoßen - aber nur 7 Prozent der Gesamtemissionen werden vom Wald gebunden. Bhutans negative CO2-Bilanz hängt mit der gesetzlichen Verankerung von Umweltschutzmaßnahmen zusammen. Alles wirtschaftliche Handeln wird dem Schutz der Natur untergeordnet: Rodung ist in Bhutan verboten und mindestens 60 Prozent der Landflächen müssen langfristig von Wald bedeckt bleiben.

In Buthan wird wirtschaftliches Handeln der Natur untergeordnet.

Auch Deutschland ist Teil einer rechtsverbindlichen Klimaschutzvereinbarung, dem Pariser Klimaabkommen. Aber im Gegensatz zu Bhutan halten wir uns nicht an unsere eigenen Vorgaben: Bereits das erste Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu verringern, haben wir um 85 Millionen Tonnen verfehlt. Dabei haben Deutschland und andere wirtschaftliche Akteure im Westen eine besonders große Verantwortung für den globalen Notstand: Die wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung verursachen über die Hälfte der globalen Emissionen – die ärmere Hälfte lediglich 7 Prozent.

Damit einher geht die Frage, woran wir unseren Wohlstand überhaupt messen: In Bhutan ist nicht das Bruttoinlandsprodukt die universelle Steuerungsgröße, sondern das nachhaltige Bruttonationalglück. Wirtschaftliche Verhältnisse bilden nur eine von vier Säulen, die die Regierung dafür in Betracht zieht. Daneben sind auch die Wahrung von kulturellen Werten, sozial gerechte Regierungsstrukturen und der Schutz der Umwelt im Fokus. Andere Länder wie Neuseeland folgen dem Beispiel seit 2019 und rücken ab von einer eindimensionalen, umsatz- und wachstumsorientierten Betrachtung. Das bringt uns jedoch zurück zur Ausgangsfrage:

Wie sieht regeneratives Wirtschaften auf der Ebene von Unternehmen aus?

Regeneratives Wirtschaften stellt die Natur über Profite.

Eines der ersten Unternehmen, auf das wir gestoßen sind, ist RECUP. Das Unternehmen hat sich zur Aufgabe gemacht, Einwegbecher durch ein zirkulierendes Mehrweg-Pfandsystem zu ersetzen. Es geht also nicht (nur) darum, Verpackungsmüll zu reduzieren, sondern ihn gar nicht erst entstehen zu lassen.

Jährlich werden allein in Deutschland 2,8 Milliarden Pappbecher benutzt. Als Wegwerfprodukt verursachen sie jährlich 40.000 Tonnen Abfall und 11.000 Tonnen C02. Bei RECUP zahlen Gastronom*innen eine monatliche Pfandgebühr und erhalten im Gegenzug eine gewisse Menge an wiederverwendbaren Bechern. Bei der Bestellung zahlen Kund*innen eine Pfandgebühr von einem Euro.

Der zentrale Unterschied zu vielen anderen Herstellern ist, dass RECUP nicht auf Verkaufsquantität setzt: „Ziel von RECUP ist es, ein Pfandsystem aufzubauen, in dem Becher sowie Schalen so oft wie möglich genutzt werden. Ist der RECUP bzw. die REBOWL einmal ausgegeben, soll diese/r nach dem To-Go-Genuss in das System zurückgeführt werden und dort zirkulieren. Dies können wir nur durch den Pfandgedanken und nicht durch den Verkauf unserer Produkte sicherstellen.“

Regeneratives Wirtschaften zielt auf das Reduzieren, Reparieren und Wiederverwenden von Gütern ab.

Auch andere Unternehmen haben sich dem Gedanken der Wiederverwertung verschrieben. Das zirkuläre Denken steckt bei Circuly schon im Namen. Das Unternehmen strebt einen Wandel von linearen Business-Modellen (Zurückgreifen auf natürliche Ressourcen, Produktion, Verwendung, Abfall) zu zirkulären (Produktion aus recycelten Materialien, Verwendung und Reparation, Recycling) an, um achtsamer mit der Endlichkeit von Ressourcen umzugehen.

Dafür bietet Circuly eine Software an, mit der es einfacher wird, Produkte zu vermieten, anstatt sie zu verkaufen. So ebnet Circuly den Weg für zirkuläres Denken und Handeln und bringt Firmen dazu, bereits in der Produktion auf die Langlebigkeit von Produkten zu achten, damit sie möglichst oft vermietet werden können. Denn normalerweise werden viele Erzeugnisse so entwickelt, dass sie möglichst schnell ausgetauscht und nachgekauft werden müssen.

Fragst du dich auch manchmal, wo du beim Thema Umweltbewusstsein stehst? Hier haben wir einige Instrumente aufgelistet, mit denen du dich oder das Unternehmen, in dem du arbeitest, auf den Prüfstand stellen kannst:

Erst im Jahr 2018 wurden Apple und Samsung zu mehreren Millionen Euro Strafe verurteilt, da sie vorsätzlich die Leistungsfähigkeit ihrer Geräte verringerten. So oder so werden Smartphones im Schnitt nur anderthalb bis zwei Jahre genutzt. Dieses Problem hat das Unternehmen Fairphone erkannt, das auch auf einem zirkulären Geschäftsmodell basiert: Die Smartphones von Fairphone werden so designt, dass sie möglichst langlebig und gleichzeitig modular sind. Neben Fairtrade-Gold-Zertifizierung für die genutzten Materialien bestehen die Fairphones aus weniger Einzelteilen als herkömmliche Produkte.

Hat ein Teil der Hardware einen Schaden, kann es sehr einfach eigenständig mit einem Reparaturkit von Fairphone repariert werden. Das Unternehmen strebt an, den Lebenszyklus eines Handys nie enden zu lassen, indem funktionierende Teile so lange genutzt werden wie möglich und Soft- und Hardware-Upgrades nur vorgenommen werden, wenn das für die weitere Verwendung nötig ist.

RECUP, Circuly und Fairphone zeigen: Es gibt bereits Unternehmen, die ihr Konzept so gestalten, dass möglichst wenig Schaden entsteht. Aber Unternehmen, die wirklich regenerativ wirtschaften, also mehr zurückgeben als sie verbrauchen, sind schwer zu finden. Und von außen ist nicht immer zu erkennen, wie ernst es einem Unternehmen ist. Der wichtigste erste Schritt für alle von uns lautet, den Firmen, die wir mit unserem Konsum und unserer Arbeitskraft unterstützen, Fragen zu stellen. Nur so finden sich positive Beispiele, und nur so lassen sich viele kleine und große Steine ins Rollen bringen.

💡 Takeaways

  • Durch das starke Wachstum der Weltwirtschaft und Weltbevölkerung funktioniert unsere Art, zu wirtschaften, nur (noch), indem wir uns an Ressourcen bedienen, die endlich sind. Langfristig zerstören wir dadurch unsere Lebensgrundlage.
  • Bhutan hat als einziges Land der Welt eine C02-negative Wirtschaft. Das liegt vor allem an der gesetzlichen Verankerung von Umweltschutzmaßnahmen im Bruttonationalglück, dem nachhaltigen Gegenentwurf zum Bruttoinlandsprodukt.
  • Um die Klimakrise zu bewältigen, müssen Unternehmen einen Shift von linearen zu zirkulären Geschäftsmodellen hinlegen. Dazu gehört nicht nur der Fokus auf Schadensreduktion, sondern eine Umkehrung ins Positive.

📘 Buchtipps

  • Maja Göpel: Unsere Welt neu denken (Ullstein).
  • Ernst Friedrich Schumacher: Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß (oekom).

❓ Kennt ihr Unternehmen, die regenerativ wirtschaften?

Für die NN-Klimakolumne sind wir auf der Suche nach Menschen, Initiativen und Unternehmen, die hier auftauchen sollten. Wir freuen uns über eure Vorschläge an klima@neuenarrative.de.

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