Klima

So könnte ein zukunftsfähiges Ernährungssystem aussehen

Text: Taraneh Taheri
Illustration: Johannes Fuchs

Wir stecken mitten in der Klimakrise. Die Art, wie wir wirtschaften, vernichtet unsere Lebensgrundlage. Mit dieser Kolumne zeigen wir, wie sich ein zerstörerisches Wirtschaftssystem zu einem umkrempeln lässt, das nicht nur weniger schädlich ist, sondern regenerativ. Dieses Mal: Wie wir in der Lebensmittelindustrie zurück zum menschlichen Maß kommen.

In Saisonkalendern sehen wir, welches Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit in der Region verfügbar ist: Selbst im Januar gibt es gelagerte Äpfel, Birnen und Möhren sowie frischen Grünkohl und Champignons. Die Realität im Supermarkt sieht anders aus. Ganzjährig gibt es hier Zwiebeln aus Ägypten und Tomaten aus Spanien. Selbst wenn diese Lebensmittel bei uns Saison haben, bedeutet das nicht, dass Regionalware im Regal liegt. Denn die meisten Supermärkte kaufen ausschließlich zu den niedrigsten Preisen ein – und die gibt es nicht bei uns, sondern im Ausland.

Mittlerweile werden über 60 Prozent des Gemüses und über 80 Prozent des Obstes per Schiff, Flugzeug und LKW nach Deutschland importiert. 1 Das ist nur möglich, weil woanders die Flächen für kommerzielle Landwirtschaft steigen – zwischen 2013 und 2019 wurden 77 Millionen Hektar tropischer Regenwald gerodet. 2

Die Verbraucher*innen sind niedrige Preise gewohnt, die nicht in Relation zu den Herstellungs- und Transportkosten stehen. Aber die wahren Kosten verpuffen nicht, sie werden im Raum und in der Zeit externalisiert. Die Kosten der Umweltverschmutzung tragen also sowohl Menschen in anderen Teilen der Welt als auch künftige Generationen. In einer Studie der Universität Augsburg wurden wahre Verkaufspreise berechnet, in denen Umwelt- und soziale Folgekosten einkalkuliert sind: Der Preisaufschlag für Bio-Hackfleisch läge bei 126 Prozent, für konventionelle Milch bei 122 Prozent. 3

Fest steht: Wir verbrauchen insgesamt deutlich mehr Energie und Ressourcen, um unsere Lebensmittel zu produzieren, als wir aus ihnen ziehen (können). Ein System, das auf lange Sicht nicht funktioniert.

Wie sieht ein Ernährungssystem der Zukunft aus?

Wir sind von zentralisierten Vermarktungsmodellen abgerückt, die den Lebensmitteleinzelhandel in den Vordergrund stellen. Stattdessen setzen wir auf regionale Erzeugung und lokale Wertschöpfung. Jeder Mensch hat Zugang zu nährstoffreichen Nahrungsmitteln. Zu 80 Prozent werden diese höchstens zehn Kilometer entfernt produziert. Der Konsum von tierischen Erzeugnissen ist reduziert. Erzeuger*innen verkaufen ihre Ware zu fairen Preisen für beide Seiten, die in Relation zu der erbrachten Leistung stehen. Durch die Reduzierung von Transportwegen und industrieller Landwirtschaft wird die Klimakrise nicht angeheizt, die Artenvielfalt bleibt bestehen und es kann Ernährungssicherheit gewährleistet werden – und das nicht nur in den privilegierten Teilen dieser Welt.

Marktschwärmer ist ein Netzwerk von regionalen Erzeuger*innen und Abholmärkten.

Es gibt auch heute schon Unternehmen, die unseren Umgang mit Lebensmitteln adressieren und Alternativen entwickeln. Beispielsweise Marktschwärmer: ein Netzwerk von regionalen Erzeuger*innen und Abholmärkten. Die aktuell 150.000 registrierten Nutzer*innen bestellen und bezahlen online, woraufhin die Erzeuger*innen die gewünschten Lebensmittel zum Abholen bereitstellen. Aktuell gibt es in Europa rund 1.400 regionale Schwärmereien, 150 davon in Deutschland. Die soziale Wertschöpfung ist ein besonderer Vorteil des Unternehmens: Für kleine Erzeuger*innen aus ländlichen Regionen schafft Marktschwärmer direkte Vertriebswege. Kund*innen haben Zugang zu regionalen und gehaltvollen Lebensmitteln. Jacques Wecke, deutscher Projektleiter bei Marktschwärmer, sagt: „Wir brauchen politische Unterstützung, damit sich Modelle wie Marktschwärmer durchsetzen und ein Systemwandel möglich wird. Denn wir sind nicht nur irgendein Online-Start-up, sondern eine echte Alternative zum Lebensmitteleinzelhandel.“

💭 Zum Weiterdenken

Unter dem Begriff Traditional Ecological Knowledge (TEK) wird traditionelles ökologisches Wissen verschiedener indigener Völker zusammengefasst, das sie in direkter Verbindung mit der Umwelt entwickelt haben. Während westliche Gesellschaften sich heute meist als getrennt von Ökosystemen betrachten, verstehen indigene Völker sich als Teil davon. Dieser zentrale Unterschied spiegelt sich in unserem Umgang mit Ressourcen wider: Lebensmittel sind für uns nicht mehr Nährstofflieferanten, sondern Waren.

Die starke Nachfrage von Konsument*innen führte in Finnland zur Überfischung im Näätämö Fluss. Die Skoltsamen, eine indigene Volksgruppe, bemerkten dies als erstes. Gemeinsam mit der finnischen Regierung und Wissenschaftler*innen untersuchten sie Einflüsse auf die Umweltveränderungen und erarbeiteten auf Basis von TEK erfolgreich Strategien zur Erholung der lokalen Lachsbestände. 4 Die Projektbeteiligten richteten beispielsweise vermehrt Laichplätze ein, reduzierten die Gesamtanzahl der Fischernetze und konzentrierten sich beim Fang auf Hechte, die junge Lachse fressen.

Infarm setzt auf Vertical Farming

Infarm wiederum ist ein Unternehmen, das innerhalb des Lebensmitteleinzelhandels agiert. Als Guy Galonska, Erez Galonska und Osnat Michaeli das Unternehmen 2013 gegründet haben, war es noch ein kleines Lab in einem Kreuzberger Hinterhof. Inzwischen ist Infarm auf dem besten Weg ein Konzern zu werden: Das Agtech-Startup 5 hat seit der Gründung rund 400 Millionen Dollar von Risikokapitalgeber*innen eingesammelt. Die vertikalen Farmen, in denen Kräuter wie Petersilie, Minze und Basilikum wachsen, stehen mittlerweile in allen großen Supermarktketten. Die Pflanzen werden automatisiert mit Wasser, Licht und Nährstoffen versorgt und sind mit einer Software verbunden, die den Wachstumsprozess überwacht und optimiert. Insgesamt werden so im Vergleich zu konventioneller Landwirtschaft enorme Ressourcen eingespart: Die Pflanzen brauchen 95 Prozent weniger Wasser, 75 Prozent weniger Dünger, 95 Prozent weniger Fläche und es gibt praktisch keine Transportwege.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der Waldgarten im brandenburgischen Rehfelde. Ein Waldgarten ist ein sich selbst erhaltendes System, in dem Pflanzen und Tiere so integriert sind, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Das Vorbild sind ökologische Kreisläufe in der Natur: Auf mehreren Etagen – von Bäumen über Sträucher bis hin zu Kräutern – werden hier Lebensmittel angebaut. Waldgärten gibt es zwar schon in ganz Europa, aber der in Rehfelde soll als skalierbares Vorbild beweisen, dass man Permakultur-Methoden auch im großen Stil einsetzen kann. Gemeinschaftlich sollen hier mindestens 120 Jahre lang gesunde Nahrungsmittel erzeugt werden. Ohne lange Transportwege, ohne dass der Boden danach verödet ist und ohne Einsatz von chemischen Düngern oder Spritzmitteln. Ziel des Projekts ist es, eine Landwirtschaft zu entwickeln, die langfristig mit den verfügbaren Ressourcen vereinbar ist.

Unsere Entscheidung

Es gibt wie immer verschiedene Blickwinkel, aus denen unser aktuelles und zukünftiges Ernährungssystem betrachtet werden kann. Deshalb gibt es auch nicht die eine richtige Lösung oder Technologie, die Menschheit mit Lebensmitteln zu versorgen. Um dem menschlichen Maß jedoch zumindest ein Stück näher zu kommen, brauchen wir viel weniger globale Transportketten die unsere Bedürfnisse nur kurzfristig erfüllen. Stattdessen muss die langfristige Gesundheit des Planeten mitgedacht werden. Um diesen Wandel anzustoßen, sollten wir auch uns selbst fragen: Möchte und kann ich nachfolgenden Generationen erklären, wieso ich mich für die holländischen Wintertomaten aus beheizten Gewächshäusern entschieden habe, und nicht für ein Produkt, das ohne Kollateralschäden entstanden ist, aber dafür einen Euro mehr gekostet hat?

💡 Takeaways

  • Ein Großteil der Lebensmittel kommt heute aus dem Ausland. Die langen Transportwege belasten nicht nur das Klima, sondern dieses System führt in anderen Teilen der Welt zu lokalen Umweltzerstörungen.
  • Durch regionale Erzeugung und lokale Wertschöpfung wird diesen Problemen entgegengewirkt. Manche Lebensmittel gibt es dann nur in einer bestimmten Saison.
  • Konsument*innen sollten sich bewusst gegen weitgereistes Obst und Gemüse entscheiden.

Kennt ihr Unternehmen, die regenerativ wirtschaften? Für die NN-Klimakolumne sind wir auf der Suche nach Menschen, Initiativen und Unternehmen, die hier auftauchen sollten. Wir freuen uns über eure Vorschläge an klima@neuenarrative.de.


  1. „Regional ist eine gute Wahl“, NABU.
  2. Alexandra Endres: „Dieser Einkauf vernichtet ein Stück Tropenwald“, ZEIT Online, 19. Mai 2021.
  3. „Produkte mit wahren Verkaufspreisen ausgezeichnet“, Pressemitteilung von Penny, 01. September 2020.
  4. Jim Robbins: „Native Knowledge: What Ecologists Are Learning from Indigenous People“, Yale Environment 360, 26. April 2018
  5. Agtech bedeutet Agricultural Technology und ist ein Oberbegriff für die Verschmelzung von technologischen Innovationen und (digitaler) Landwirtschaft.
Ein Geldschein mit einem Mann darauf, der sich den Mund zuhält.

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