Vom Sinn und Unsinn von Purpose-Beratung

Kinski meets McKinsey

Purpose-Beratung: Wenn Purpose zum Geschäftsfeld wird

Text: Sebastian Klein
Illustration: Grafikladen

Eigentlich fokussieren wir uns mit Neue Narrative eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Doch manche Dinge machen uns so wütend, dass es gar nicht so leicht ist, konstruktiv zu bleiben. Dafür gibt es diese Kolumne, mit der wir unserer Wut Luft machen. Diesmal: Beratungsgiganten, für die Purpose nur ein Geschäftsfeld ist.

Es stimmt uns hoffnungsvoll zu sehen, dass inzwischen viele Unternehmen verstanden haben, dass Sinnsuche ihnen guttut: Warum existiert dieses Unternehmen? Was wollen wir zu einer lebenswerten Welt beitragen? Wofür steht jeder von uns gerne morgens auf?

Denn diese Fragen sollte sich verdammt noch mal wirklich jedes Unternehmen stellen. Es ist zu hoffen, dass viele durch die Beschäftigung mit diesen Fragen zu der Einsicht kommen, dass ihr Geschäftsgebaren einiger Korrekturen bedarf. Hin zu mehr Nachhaltigkeit, Langfristigkeit, Menschlichkeit. Zu Lasten von Wachstum und Rendite um jeden Preis.

In den letzten Jahrzehnten haben wir uns die Frage nach dem Sinn und Zweck eindeutig zu selten gestellt. Und tatsächlich gehen der finanzielle Erfolg und das Wachstum großer Industrien bis heute vielfach Hand in Hand mit dem Verfall unseres Erdballs. Solange es die anderen trifft, ist es in den klimatisierten Eckbüros bei einem frisch entkapselten Espresso dennoch recht gut auszuhalten. Mit der Sonnenbrille vor den Augen sieht der Aluminiumschlamm hinter der Fabrik fast aus wie hübsches Bornholm-Rot, und wenn die Anschnallzeichen in der Business Class ertönen, ist die Verantwortung bereits bei der Sicherheitskontrolle in der Tonne für unerlaubte Flüssigkeiten entsorgt. Es gibt also einiges nachzuholen.

Daher bejubeln wir jede Organisation, die selbst zu dem Schluss kommt, dass es mehr Sinn braucht, und wir freuen uns auch über Berater*innen, die ernsthaft dabei unterstützen.

Sinn als Geschäftsfeld

I-Mac

Wenn sich gutes Geld mit etwas verdienen lässt, dann waren BCG, McKinsey und Co. schon immer besonders gut darin, auf neue Züge aufzuspringen. Heraus kamen Sustainability-Initiativen, die nicht zu mehr Nachhaltigkeit geführt haben, sondern zu astreinem Greenwashing. Und verrückt eingerichtete Digital-Labs, die vor allem viel Umsatz gebracht haben und in denen sich die Berater*innen der alten Schule schon mal daran gewöhnen konnten, ihre alten Uniformen gegen neue zu tauschen: Turnschuhe und Hipster-Bärte.

Ist es da nicht naheliegend, dass diese gleichen Berater*innen nun losgehen und das Label New Work für sich vereinnahmen? Dass sie das einmal mehr mit ihrer viel bewunderten Mischung aus Schnelligkeit und Selbstbewusstsein tun, mit der sie auch anderen Themen schon geschadet haben?

Die brand eins hat es gut auf den Punkt gebracht: „Neue Arbeit ist mehr als alte Arbeit mit Internetanschluss.“ Für die meisten klingt das sicherlich selbstverständlich, aber ist das wirklich so klar? Was, wenn ein*e sympathische*r Berater*in in Turnschuhen der Führungskraft erzählt, das neue Arbeiten funktioniere wie folgt:

  1. Zuckerbrot und Peitsche wie gehabt, aber künftig über Slack.
  2. Mehr Verantwortung für Mitarbeiter, also führen wir OKRs ein, und alle müssen sich an ihren Zahlen messen lassen.
  3. Neue Büros bauen, aber diesmal mit beschreibbaren Wänden und Post-its.
  4. Fertig.

Ein Albtraum wird wahr

Unternehmen und ihre Lenker*innen sollten sich Sinnfragen stellen, um den negativen Impact, den sie auf die Welt haben, zu reduzieren. Nicht um geiler auszusehen, während sie den gleichen Scheiß wie vorher machen. Die jahrzehntelange, rücksichtslose Ausrichtung auf Profit und Wachstum haben einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass unser Planet gerade mit den Folgen des Klimawandels und stetig wachsenden sozialen Spannungen zu kämpfen hat. Wenn nun Berater*innen aufkreuzen, die das Thema Purpose für sich vereinnahmen, um damit a) Umsatz zu machen und b) ihren wichtigsten Stakeholdern, den Manager*innen und Vorständen großer Unternehmen, das Gefühl zu geben, business as usual machen zu können, dann ist das mehr als nur ärgerlich. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren.

layout=“float-left" Sinn als Geschäftsfeld

Doch genau das passiert: Wie die FAZ schreibt, stellt BCG 500 neue Mitarbeiter*innen ein und will sich das Thema Purpose künftig als neues Geschäftsfeld erschließen. BCG macht das nicht, um etwas Gutes für die Welt zu tun, sondern um Geld zu verdienen. Wenn hier Purpose gesagt wird, dann ist damit gemeint: Wir machen ein paar schöne Videos, die knallige Markenbotschaften transportieren. Wir stellen uns keine unangenehmen Fragen zum Thema Impact. Aber wir liefern Antworten, die bequem sind und dem Vorstand gut schmecken. Und behaupten, wir haben uns mit der Sinnfrage beschäftigt. So sehen Sieger aus. Nicht.

“Wenn Roland Berger und BCG ihrem Klientel Purpose predigen, dann ist das Konzept nun nicht mehr aus der Welt der Unternehmen weg zu denken.”

Die gleichen Beratungen, die mit ihren blinden Wachstumsparadigmen und ihrem positivistischen Handeln jahrzehntelang zur erheblichen Verschärfung vieler Probleme in der Welt beigetragen haben, tun jetzt so, als hätten sie es immer schon gewusst. Dass sie dabei keine Sekunde lang dem Gedanken verfallen, über ihren eigenen Beitrag zu der Misere nachzudenken, macht uns beinahe sprachlos.

Was das für uns alle heißt

McKinsey und Co. waren schon immer berüchtigt dafür, Meister im Bullshit-Bingo zu sein und Begriffe ihrer Bedeutung zu berauben. Nun steht zu befürchten, dass das gleiche mit dem so dringend notwendigen Purpose geschieht.

Positiv gesehen heißt das, purpose is here to stay. Wenn Roland Berger und BCG ihrem Klientel Purpose predigen, dann ist das Konzept nun nicht mehr aus der Welt der Unternehmen weg zu denken. Gleichzeitig bedeutet das für uns alle, mit gesundem Menschenverstand und einer Portion Skepsis genau hinzuhören, wenn von Purpose und Sinn geredet wird. Wenn der ernst gemeint ist, kommt er bescheiden und sehr menschlich daher. Und sicher nicht in hippen Videos, denn Purpose hat nichts mit Lifestyle-Branding zu tun.

Purpose heißt für uns, eine sinnvolle Antwort auf die Frage zu finden: „Welchen Beitrag leisten wir zu einer besseren Welt?“ Wer am Ende trotzdem bei knalligen Videos landet, der hat entweder nichts verstanden oder will uns davon ablenken, dass seine ehrliche Antwort lauten würde: keinen.

Dieser Artikel kommt aus unserer Sinn-Ausgabe, die im Frühjahr 2018 erschienen ist. Hier erfährst du mehr über das Magazin.

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