Kinski meets McKinsey

Wir können Unternehmen nicht vertrauen

Eigentlich fokussieren wir uns mit Neue Narrative eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Doch manche Dinge machen uns so wütend, dass es gar nicht so leicht ist, konstruktiv zu bleiben. Dafür gibt es diese Kolumne, mit der wir unserer Wut Luft machen. Diesmal: Warum Menschen Unternehmen nicht blind vertrauen sollten.

Text: Sebastian Klein
Illustration: Dominik Wagner

Wir können Unternehmen nicht vertrauen

Die meisten Menschen denken, den meisten Menschen sei nicht zu trauen; ihre wahren Motive seien egoistisch. Dazu tragen nicht nur unsere Medien bei, die seit Langem wissen, dass sich mit Schreckensgeschichten mehr Aufmerksamkeit erzielen lässt als mit Geschichten über Nachbarschaftshilfe. Auch eine Reihe von Studien, die in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg gemacht wurden, haben dazu beigetragen. Eine davon hat es sogar bis zur Verfilmung geschafft: das Stanford Prison Experiment, im Film kurz: Das Experiment. Studenten werden dort in zwei Gruppen aufgeteilt: Gefängniswärter*innen und -insass*innen. Die mit Macht über die andere Hälfte ausgestatteten Wärter*innen werden grausam und brutal, verlieren jede Menschlichkeit.

Wie Rutger Bregman in seinem Buch Im Grunde gut beschreibt, haben Studien wie diese und auch Bücher wie Der Herr der Fliegen (dessen Autor laut Bregman ein unverbesserlicher Misanthrop war) mit dazu beigetragen, dass die meisten Menschen dem Rest der Menschheit nicht vertrauen. Dabei ist die Wahrheit: Keine der reißerischen Studien über die Abgründe der menschlichen Natur ließ sich replizieren. Alle, die nachgewiesen haben wollen, dass der Mensch im Grunde schlecht sei, haben geschummelt (Genaueres ist nachzulesen unter „Replikationskrise der Psychologie“. Wie in den letzten Jahren ans Licht kam, lassen sich viele der klassischen Studien der Psychologie nicht replizieren). Anders als die meisten Menschen denken, wäre es korrekt, anzunehmen, dass Menschen in 99 Prozent der Fälle kooperativ und freundlich sind und auch dann helfen, wenn sie nichts dafür bekommen. Leider sieht das meist ziemlich langweilig aus („Nehmen Sie gerne das letzte Stück Butter!“) und eignet sich wenig für Schlagzeilen und Kinofilme.

Der wahre Übeltäter

Es gibt tatsächlich eine Sorte Mensch, die genauso schlecht ist, wie Bild-Redakteurinnen ihn sich wünschen: den Homo oeconomicus. Den haben sich Wirtschaftswissenschaftlerinnen ausgedacht und damit ein echtes Albtraum-Wesen geschaffen. Der Homo oeconomicus interessiert sich ausschließlich für Tauschgeschäfte, er würde sofort seine eigene Großmutter an den*die Höchstbietende*n verkaufen oder sie wahlweise für sich auf dem Feld arbeiten lassen - je nachdem, was mehr einbringt. Er würde niemals einen ertrinkenden Menschen retten, wenn nicht gerade ein Kamerateam zur Stelle ist, das seinen heldenhaften Einsatz mit dem Rest der Welt teilt.

Was wir gesunden Menschenverstand nennen, ist dem Homo oeconomicus fremd. Noch weniger gelten für ihn Mitgefühl oder überhaupt Gefühle, die ihm sagen, was richtig oder falsch ist. Wenn es opportun erscheint, zurückgeschickte Waren in den Müll zu werfen, weil das günstiger ist als jede andere Lösung, würde er das sofort tun. Für Firmen wie Amazon gilt hier nur die kühle Logik der Zahlen, so tickt der Homo oeconomicus. Er würde seine nicht profitable E-Bike-Flotte einfach auf den Müll werfen, statt die Räder anderweitig einsetzen zu lassen – wie es gerade Uber getan hat. Er würde seine Social-Media-Plattform auch Diktatoren und Firmen zur Verfügung stellen, die Fake-News verbreiten – solange das den Umsatz steigert. Und er würde all das mit Marketing beschönigen. Denn rechnerisch geht die Gleichung auf: skrupellos wirtschaften und einen Teil des Geldes verwenden, um mit gekaufter Medienpräsenz, Marketing und Lobbying ein deutlich positiveres Bild von sich selbst zeichnen. Wenn am Ende mehr Geld übrig bleibt, hat der Homo oeconomicus in seiner Welt alles richtig gemacht.

Das Erstarken des Bösen

Das Erstarken des Bösen und der Homo Oeconomicus

Dabei müssten wir es eigentlich längst besser wissen: Im 18. und 19. Jahrhundert gab es eine Phase, in der der Homo oeconomicus die Oberhand über unsere westlichen Gesellschaften hatte. Er ließ Sklaven für sich arbeiten und verlangte eine Entschädigung, wenn sie freigelassen werden sollten. Er ließ in großem Stil Menschen verhungern, weil er sein Getreide nicht unter Wert verkaufen wollte.

Auf der Erfahrung, wie unmenschlich eine Welt ist, in der der Homo oeconomicus das Sagen hat, basiert die Idee der sozialen Marktwirtschaft. Sie war die gemäßigte Alternative zum sozialistischen Ansatz, der den Markt gleich ganz abschaffen wollte. Die soziale Marktwirtschaft war der Versuch, die Innovationskraft eines freien Marktes mit sozialer Absicherung zu verbinden. Darin verankert ist auch die Überzeugung, dass bestimmte Dinge nichts auf einem freien Markt zu suchen haben: Kein Mensch wünscht sich Ärzt*innen und Anwält*innen, die nur für den*die Höchstbietende*n arbeiten. Kein Mensch wünscht sich ein Gesundheits- und Pflegesystem, das allein auf Kostenminimierung und Effizienz ausgerichtet ist und diejenigen sterben lässt, die nichts bezahlen können. Nur wenige Menschen finden es sinnvoll, dass Wohnraum ein unreguliertes Spekulationsgut ist.

Was nun geschieht: Seit den 1980er-Jahren entledigen sich viele der sozialen Marktwirtschaften mehr und mehr ihrer sozialen Ausrichtung. Oftmals mit dem Argument, im internationalen Wettbewerb nicht auf der Strecke bleiben zu wollen, hat der Homo oeconomicus sich in der Politik Gehör verschafft. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat er neuen Aufwind erhalten. Mit Aufkommen der Shareholder-Value-Doktrin in den 1980er-Jahren und unterstützt durch die Reagan- und Thatcher-Regierungen gelang es dem Homo oeconomicus, sich wieder in die erste Reihe des Weltgeschehens zu kämpfen. Wir sehen die Veränderung, die sich seitdem vollzogen haben, an allen Ecken und Enden.

Kein Mensch wünscht sich Ärzt*innen und Anwält*innen, die nur für den*die Höchstbietende*n arbeiten.

Wo es vor wenigen Jahrzehnten noch selbstverständlich war, dass soziale Marktwirtschaft bedeutet, nicht allein mit Profiten im Sinn zu wirtschaften, zeichnet sich nun ein anderes Bild: Inzwischen sind gerade die oberen Etagen unserer Konzerne voll von Menschen, die aus den Bootcamps des Homo oeconomicus kommen: von Business-Schools, von McKinsey, BCG, Investmentbanken und Start-up-Schmieden. Im Silicon Valley ist eine ganze neue Wirtschaftssparte entstanden, der in der ganzen Welt nachgeeifert wird: Venture-Capital-finanzierte Technologiefirmen, mit deren Produkten wir heute jeden Tag zu tun haben. In deren Entscheidungsgremien regiert ebenfalls der Homo oeconomicus, wenn auch nachlässiger angezogen als in Konzernspitzen und Investmentbanken. Allen gemein ist, dass es am Ende nur um Wachstum, Profitabilität, um Geld geht.

Was daran so tragisch ist

Greenwashing und was daran so tragisch ist

Tragisch ist nun vor allem eins: Wir sind umgeben von Menschen, die in aller Regel freundlich und kooperativ sind. Die, wenn sie sagen, der Klimawandel mache ihnen Sorgen, es auch tatsächlich meinen. Diesen Menschen misstrauen wir und fragen uns, wieso sie trotz Klimawandel noch immer in den Urlaub fliegen und mit dem Auto durch die Gegend fahren.

Wem wir viel zu wenig misstrauen, sind die Firmen, mit denen wir den ganzen Tag in Kontakt sind und die uns letztlich dazu verleiten, in das Flugzeug zu steigen oder ein Auto zu kaufen. Diese Firmen sind sehr gut darin, uns die Botschaften zu senden, die unser Vertrauen wecken. Wenn der CEO von Blackrock medienwirksam verlauten lässt, Klimaschutz sei ein Anliegen für den größten Finanzinvestor der Welt, dann lesen wir das und sind beruhigt. Er wird es schon so meinen. Und nicht nur, dass wir diesen Unternehmen mehr oder weniger blind vertrauen, wir überlassen ihnen auch, dass sie per Lobbyarbeit viel mehr Einfluss auf unsere Politiker*innen nehmen als die Menschen, in deren Auftrag sie eigentlich handeln sollten.

„Nein, Nike ist nicht traurig, weil deine Großmutter wegen Covid-19 im Altenheim isoliert ist.”

Was sich ändern muss

Als soziale Wesen sind wir Menschen eigentlich gute cheater detectors, also gut darin, zu erkennen, wenn andere ihre Gutmütigkeit und Kooperationsbereitschaft ausnutzen wollen. Gleichzeitig sind unsere Gehirne so gepolt, dass sie, wann immer es geht, versuchen, Energie zu sparen. Wir denken nur selten kritisch und treffen überwiegend sehr schnelle Urteile. Vor allem bei Freund-oder-Feind-Entscheidungen suchen wir nach Indizien, die uns schnelle, intuitive Urteile erlauben. Der Homo oeconomicus weiß das und hält uns daher für einen einfachen Gegner. Coca Cola zeigt aus gutem Grund gerne junge sportliche Menschen, um von der Tatsache abzulenken, dass ihre Produkte Menschen nicht jung und sportlich, sondern dick und krank machen. Firmen wie Blackrock äußern sich nicht ohne Grund öffentlichkeitswirksam zum Thema Nachhaltigkeit, ohne dabei jemals zu thematisieren, dass der Großteil ihres Geldes in fossilen Brennstoffen und Firmen steckt, deren Emissionen alles andere als nachhaltig sind. Nein, Nike ist nicht traurig, weil deine Großmutter wegen Covid-19 im Altenheim isoliert ist. Nein, industrielle Fleischfabrikant*innen halten sich nicht an die Mindeststandards menschlichen Anstands, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Und ja, all diese Firmen werden ihr Bestes tun, nur die positivsten Geschichten über sich selbst zu erzählen.

Wann immer uns ein Unternehmen eine Botschaft sendet, sollte klar sein: Hier spricht kein einzelner Mensch, sondern mir werden gerade Werbebotschaften geschickt. Werbebotschaften, die dem Unternehmen helfen sollen, mein Vertrauen zu wecken und mehr Umsatz zu machen.

Wir leben in Zeiten, die geprägt sind von dem, was Unternehmen wollen. Wohin wir auch schauen, überall geht es um Geld, um Unternehmertum, um Leistung, um Konsum. Führt dieses Denken zu mehr Wohlstand? Offensichtlich, ja. Brauchen wir noch mehr Wohlstand? Nein. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung des vorhandenen Wohlstands. Und Zeit für die Dinge, die das Leben lebenswert machen. Das sind nämlich nicht die Dinge, die Unternehmen von uns wollen: Konsum macht uns nicht glücklich. Eine Konzernkarriere auch nicht. Wenn wir uns im Hamsterrad aus Arbeit und Konsum immer schneller drehen, freut sich nur einer: der Homo oeconomicus. Da er ein Fantasiewesen ist, haben wir selbst es in der Hand, welche Rolle wir ihm in unserer Welt geben. Wer weniger von ihm und mehr von echtem menschlichen Handeln und Empfinden möchte, sollte diese Daumenregel beherzigen: Lege für Unternehmen und Menschen, die in ihrem Auftrag handeln, niemals den gleichen Maßstab für Vertrauen an, den du auf echte Menschen anwendest: Sie wollen so gut wie immer etwas von dir, das nicht deinen eigenen Interessen entspricht.

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