Ein Foto von den Aktivisten Lukas Krämer und Anne Gersdorff

Gesundheit

Wie Menschen mit Behinderung vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden

Interview: Lena Marbacher
Fotos: Andi Weiland & Anne-Sophie Stolz

Werkstätten sollen Menschen mit Behinderungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereiten. Doch den Schritt schaffen weniger als 1 Prozent. Warum ist das so? Und wieso führt das Werkstättensystem dazu, dass wir den Arbeitsmarkt nicht für Menschen mit Behinderungen anpassen müssen? Wir haben mit Anne Gersdorff und Lukas Krämer darüber gesprochen.

Anne Gersdorff arbeitet für die Organisation SOZIALHELDEN e.V. Seit über 15 Jahren arbeiten die Sozialheld*innen an Lösungen für mehr Teilhabe und Barrierefreiheit. Anne Gersdorff ist dabei die Expertin für das Thema Arbeit und ist als Referentin für das Projekt JOBinklusive tätig. Dort bringt sie Arbeitgeber*innen, Ausbilder*innen und Aktivist*innen zusammen, um mehr Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu beschäftigen.

Anne Gersdorff setzt sich dafür ein, mehr Menschen mit Bedhinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu beschäftigen.

Foto: Andi Weiland

Wir haben uns in der Redaktion gefragt, warum wir an Behinderung denken, wenn wir eine Ausgabe zum Thema Gesundheit machen. Welchem alten Narrativ sind wir dabei aufgesessen?

Man nennt es das medizinische Modell von Behinderung. Dabei wird vor allem auf Defizite geschaut, auf das was nicht geht. Stattdessen müssen wir zu einem sozialen und menschenrechtlichen Modell kommen und sehen, wo Menschen durch Gesellschaft und Strukturen behindert werden. Was wir brauchen, ist ein Disability Mainstream, also dass z.B. ihr als Redaktion bei jedem Thema, zu dem ihr schreibt, auch die Perspektive von Menschen mit Behinderungen einnehmt, nicht nur, wenn ihr eine Ausgabe zum Thema Gesundheit macht.

Unternehmen feiern sich dafür, dass sie ihre Produkte in Werkstätten mit Menschen mit Behinderungen produzieren lassen. Was würdest du dem entgegnen?

Wir denken Behindertenwerkstätten seien eine uneingeschränkt gute Sache: Da haben die Menschen mit Behinderungen eine Aufgabe und Arbeit. Mit solchen Werkstätten entledigen wir uns als Gesellschaft aber auf einfache Weise des Problems, Inklusion umzusetzen: Wenn Menschen mit Behinderungen in Werkstätten arbeiten, muss der allgemeine Arbeitsmarkt nicht für sie angepasst werden. Ziel sollte es jedoch sein, dass Menschen mit Behinderungen überall dort arbeiten, wo andere Menschen auch arbeiten. Mindestlohn in Werkstätten einzuführen, ist ein guter erster Schritt, aber er ändert das System nicht.

Wie funktioniert das System denn? Wo hakt es?

In den Kindergärten sind rund 90 Prozent inzwischen inklusiv. Aber je höher der Bildungsweg ist, desto schwieriger wird es. Wenn du das Lernpensum einer Hauptschule nicht schaffst oder einfach nicht in den Mainstream des Lernsystems passt, bist du raus aus dem System und bekommst den Stempel Förderbedarf. Der hat weitreichende Konsequenzen – auch noch lange ins Arbeitsleben hinein.

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Dann kommst du auf eine Förderschule, die manchmal auch Sonderschule oder Förderzentrum genannt wird. Wie geht es da weiter?

Von da aus führt der Weg fast immer in eine Werkstatt. In vielen Förderschulen werden zum Beispiel nur Praktika in Werkstätten angeboten. Ausflüge zur Berufsinformation werden zu den Messen von Behindertenwerkstätten unternommen. Dort werden nicht alle möglichen Berufe vorgestellt, sondern nur die, die in den Werkstätten angeboten werden. Per Gesetz ist es so geregelt, dass du erst dann in eine Behindertenwerkstatt kommst, wenn alle anderen Maßnahmen nicht erfolgreich sind. In der Realität erstellt jedoch die Agentur für Arbeit am Ende deiner Schulzeit ein medizinisches und ein psychologisches Gutachten. Dann musst du erzählen, was du alles kannst oder nicht kannst. Die psychologischen Begutachtungen gehen zum Teil sechs Stunden am Stück und beinhalten Logik- und Deutschtests.

Für Menschen mit der Behinderung ist das Schulsystem ziemlich undurchlässig.

Welchen Einfluss haben diese medizinischen und psychologischen Gutachten?

Sie bescheinigen dir, dass du ausbildungsfähig bist oder nicht, oder ob du überhaupt nicht arbeitsmarktfähig bist. Wenn letzteres zutrifft, dann führt dein Weg in die Werkstatt, wo du zwei Jahre lang Skills erlernen sollst, um doch im allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten zu können.

Das klingt ja erst mal gut. Wie viele Menschen schaffen den Weg von den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?

Weniger als ein Prozent. Also fast niemand.

Wie kommt das?

Die Werkstätten haben kein Interesse daran, Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu entlassen. Beispielsweise sagen Betreuer*innen den Menschen mit Behinderungen oft, dass sie noch nicht soweit sind oder dass der erste Arbeitsmarkt zu hart für sie sei. Hier passiert das Gegenteil von Empowerment.

Dabei gibt es ja bereits seit Jahren eine gesetzliche Quote für Unternehmen. Wieso wird diese nicht umgesetzt?

Die Quote verlangt, dass Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden zu 5 Prozent Menschen mit Schwerbehinderungen beschäftigen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Ausgleichszahlung leisten. Wenn ein Unternehmen aber stattdessen eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen beauftragt, werden bis zu 50 Prozent dieser Ausgleichszahlungen erlassen. So hält sich das System quasi selbst aufrecht.

Welche Unterstützung gibt es für Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen einstellen?

Neben gezielter Rekrutierung gibt es Maßnahmen, von denen viele Unternehmer*innen nichts wissen. Zum Beispiel gibt es das Budget für Arbeit. Das ist ein Zuschuss an den*die Arbeitgeber*in in Höhe von 75 Prozent des regelmäßig gezahlten Arbeitsentgelts. Die*der behinderte Arbeitnehmer*in kann Unterstützung durch Jobcoaching, eine Arbeitsassistenz oder technische Hilfsmittel bekommen. Die bürokratischen Hürden bei der Beantragung solcher Hilfen müssen jedoch dringend abgebaut werden.

Wenn immer mehr Menschen mit Behinderungen im allgemeinen Arbeitsmarkt sind, haben wir es geschafft, oder?

Wenn das normal wäre, hätten wir eine Menge geschafft. Wenn du aber zum Beispiel ein*e super ausgebildete*r Softwareentwickler*in bist, der in einem Großkonzern einen festen Job hat und auf Assistenz angewiesen ist, dann kann es dazu kommen, dass ab einem Jahresgehalt von ca. 40.000 Euro der Rest für die Bezahlung deiner Assistenz eingezogen wird. Der Gedanke ist ein bisschen wie bei Arbeitslosengeld: Sobald du verdienst, wird dir das Geld gestrichen. Das Problem ist nur, dass Menschen mit Behinderungen ja nichts tun können, um aus ihrer Situation rauszukommen.


Lukas Krämer ist Aktivist und Social-Media-Experte: Als SakulTalks klärt er auf Youtube und Instagram über Inklusion und Barrierefreiheit auf. Lukas arbeitet außerdem für Corinna Rüffer (MdB), Sprecherin für Behindertenpolitik bei den Grünen. Er hat eine Petition gestartet, in der er Mindestlohn für Menschen mit Behinderungen fordert – ein Gesprächsprotokoll.

Ich fordere Mindestlohn, also 9,60 Euro die Stunde und damit ein Arbeitnehmer*innenverhältnis für Menschen mit Behinderungen. Zurzeit arbeiten sie in einem sogenannten Beschäftigungsverhältnis. Sie haben dadurch kein Recht auf Mindestlohn oder auf gewerkschaftliche Organisierung und sind von öffentlichen Tarifverträgen ausgeschlossen. Aktuell verdienen Menschen mit Behinderungen in Werkstätten durchschnittlich 1,35 Euro die Stunde und arbeiten rund 6,5 Stunden pro Tag. Das ist nicht gerecht.

Lukas Krämer klärt auf YouTube über Inklusion und Barrierfreiheit auf.

Foto: Anne-Sophie Stolz

In einer Werkstatt arbeitest du die ersten zwei Jahre im Berufsbildungsbereich und bekommst nur 99 Euro Grundlohn. Wenn du dann in den Arbeitsbereich wechselst, bekommst du mit Glück etwa 200 Euro netto. Dadurch, dass wir so schlecht bezahlt werden, sind wir günstige Arbeitskräfte. Die Gewinnspanne ist für die Werkstätten also sehr hoch. Es geht einfach um Geld.

Werkstätten sollen Menschen mit Behinderungen eigentlich auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten, aber das passiert fast gar nicht. Genauso wenig in den Förderschulen. Ich hatte einen einzigen Lehrer, der gemerkt hat, dass ich mehr kann, als erwartet wurde. Irgendwann hatte ich die Lernblätter mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad erledigt und mehr gab es einfach nicht. Da war Schluss mit meiner Förderung.

Ich habe nach der Schule in einer Werkstatt gearbeitet. Ich war in der Montage angestellt und habe Wasserhähne montiert und geprüft, genauso wie meine nicht behinderten Kolleg*innen, die natürlich anders bezahlt wurden. Nach fünf Jahren habe ich angefangen blau zu machen, weil ich provozieren wollte, dass die Werkstatt mich feuert. Selbst zu kündigen ist wegen der gesetzlichen Betreuung gar nicht so einfach – der Staat muss quasi zustimmen. Wer einmal in einer Werkstatt drin ist, weiß: Es gibt eine Eingangstür, aber keine Ausgangstür. Mein Weg ist eher die Ausnahme.

Durch die schlechte Auftragslage während Corona wurden in meiner ehemaligen Werkstatt die Löhne übrigens bis zu 140 Euro gekürzt. Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten arbeiten, sind nicht arbeitslosenversichert und erhalten kein Kurzarbeiter*innengeld.

💡 Takeaways

  1. Von der Förderschule führt der Weg oft direkt in eine Behindertenwerkstatt. Von dort aus ist es schwer, auf den ersten Arbeitsmarkt zu gelangen.
  2. Menschen in Behindertenwerkstätten sind nicht in einem Arbeitnehmer*innen-, sondern in einem Beschäftigungsverhältnis angestellt – deshalb erhalten sie z.B. keinen Mindestlohn und sind nicht arbeitslosenversichert.
  3. Das System bleibt erhalten, weil Behindertenwerkstätten in der Gesellschaft als positiv gelten. Inklusion im Bildungssystem wäre sinnvoller, um Menschen mit Behinderungen den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht zu versperren.
Ein Mann, der an einem Schreibtisch sitzt. Sein Kopf raucht.

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