Julia Seeliger und Luise Zaluski, die Gründerinnen des Putz-Start-ups Klara Grün

Beziehungen

Was tun, wenn es zwischen Gründer*innen kracht?

Interview: Lena Marbacher

Julia Seeliger und Luise Zaluski haben gemeinsam das Putz-Start-up Klara Grün gegründet. Die Beziehung der beiden Gründerinnen war im letzten Jahr einigen Turbulenzen ausgesetzt. Wie sind sie damit umgegangen?

Bei euch hat es im letzten Jahr ein bisschen geknallt. Welche Konflikte haben euch im Gründerinnenteam beschäftigt?

Luise: Im Januar 2020 war ich schwanger, mit der Aussicht darauf, ab Mitte März in den Mutterschutz zu gehen. Eigentlich hatten wir vor, uns im ersten Quartal zu professionalisieren und ein gutes Team dafür entwickelt. Dann ist aber eine weitere Kollegin mit dem gleichen Aufgabenfeld wie ich unerwartet schwanger geworden…

Julia: Wir haben auch mit deiner Schwangerschaft nicht gerechnet…

Luise: Diese Kollegin wäre jedenfalls eine gute Vertretung für mich gewesen und war dann auf einmal nicht mehr da. Wir mussten also dringend das Aufgabenfeld neu besetzen. Außerdem hatten wir gerade in eine neue Management-Stelle investiert. Auch der Umzug in ein neues, größeres Büro stand kurz bevor. Und dann kündigte sich Corona langsam an.

Julia: Wir standen damals an einer Wachstumsschwelle, die wir bewusst überschritten haben. Unsere Fixkosten haben sich also verdreifacht und wir haben Corona massiv unterschätzt. Ab Mitte März, als Luise raus war und nicht mehr mitarbeiten konnte, brach durch Corona 60 Prozent des Auftragsvolumens weg.

Wie hast du reagiert, als du gehört hast, dass Luise schwanger ist?

Julia: Im ersten Moment habe ich sehr emotional reagiert. Das Erste, was mir durch den Kopf ging, war: Wenn man gemeinsam gründet und dieses Commitment eingeht, gibt es sinnvolle Zeitpunkte, um schwanger zu werden. Luise sagt, Kinder kommen, wann sie wollen. Ich sehe das anders. Es gibt da vermutlich kein richtig oder falsch. Aber ich fand, dass Luise uns mit der Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt einem unnötigen Risiko ausgesetzt hat, zusätzlich zu dem, was man als Start-up sowieso bewältigen muss. So sind wir aus dem ersten Gespräch gegangen und ich glaube, Luise hatte daran ganz schön zu knabbern.

Luise: Ja!

Wie hast du die Situation denn erlebt, Luise?

Luise: Es war nicht geplant, genau zu diesem Zeitpunkt schwanger zu sein, aber ich hatte im Vorfeld in einem Strategie- und Visionsmeeting zwischen uns bereits transparent gemacht, dass ich mit einem zweiten Kind nicht ewig warten möchte. Nur wusste ich nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt bereits schwanger war. Wir haben es an diesem Tag verpasst, offen und ehrlich über unsere privaten Zukunftspläne zu sprechen. Das wäre sicherlich gut gewesen.

Julia: Bis vor einem halben Jahr war Familienplanung noch gar kein Thema für mich. Klara Grün war unser Baby und ich hatte keinen Sinn dafür, dass Luise das anders sehen könnte.

Was war daran so schwierig für euch?

Julia: Luise hat das für uns beide zu einem Zeitpunkt entschieden, zu dem ich vehement gesagt hätte: Bitte frühestens in drei Monaten! Diese Entscheidung hatte ja auch große Auswirkungen auf mein Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Luise die Macht, mein Leben zu verändern. Diese Macht hat normalerweise niemand über mich, weil ich das nicht zulasse.

Luise: Für mich war das schwer nachzuvollziehen. Ich bin der Meinung, dass Kinder immer ihren Platz finden, egal in welcher Lebenssituation man gerade ist. Und für mich war auch klar, dass die Familie immer über der Arbeit steht. Wir wollen ein öko-faires Unternehmen sein, dann muss es möglich sein, dass jede von uns jederzeit schwanger werden kann.

Julia, was bedeutete Luises Schwangerschaft für dich konkret?

Julia: Ich musste mich intern neu organisieren. Vorher hatte sich Luise federführend um die Zahlen gekümmert. Plötzlich war ich alleinverantwortliche Geschäftsführerin mit neuen Aufgabenfeldern. Wir hatten zwar eine Übergabe gemacht, aber es war zu der Zeit alles etwas chaotisch und ich musste in meine neue Rolle erst hineinwachsen. Luise und ich waren beide sehr unsicher, wie wir mit der Situation umgehen und uns der anderen gegenüber verhalten sollen. Rückblickend hätten wir uns besser auf ein paar Regeln und Routinen einigen sollen.

Und für dich, Luise?

Luise: Mein großes Führungsziel war es immer schon, mich entbehrlich zu machen. Das wurde durch meine zweite Schwangerschaft stark beschleunigt. Trotzdem bekam ich noch viele E-Mails, als ich schon im Mutterschutz war. Eine Corona-bedingte Katastrophennachricht jagte die nächste. Da wollte ich natürlich noch so viel helfen wie möglich. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, dass ausgerechnet in so einer schwierigen Phase alles zusammenkam. Nachdem mein Kind auf der Welt und ich wieder fit war, hatte ich das Bedürfnis, dass Julia und ich uns einmal die Woche für eine Stunde austauschen. Das habe ich mehrfach vorgeschlagen, aber von Julia immer wieder einen Korb bekommen.

Fühltest du dich alleingelassen, Julia?

Julia: Alleingelassen gefühlt habe ich mich nie. Der Gedanke hätte mir auch nichts gebracht. Wenn ich eine Situation einmal akzeptiert habe, bin ich sehr pragmatisch. Es war eher schwierig für mich, dass Luise sich zu der Zeit hier und da mit Ideen meldete – zu Themen, aus denen sie schon eine Weile raus war und deshalb nicht wirklich helfen konnte. Ich wusste, dass das gut gemeint war, aber es hat mir die Arbeit erschwert, weil es so viele neue Kommunikationsebenen aufgemacht hat.

Wie denkst du heute, mehr als ein Jahr später, über die Situation nach?

Julia: Heute würde ich es anders sehen, denn Luises Abwesenheit hat mir geholfen, eine selbstbewusstere Geschäftsführerin zu werden. Ich musste mich in alle Bereiche einfuchsen, die vorher Luises Bereiche waren. Dadurch habe ich wahnsinnig viel gelernt. Ich würde es sogar jedem Gründer*innenteam empfehlen, dass eine Person für ein paar Monate rausgeht, damit die andere merkt, wer welche Dinge schultert und wie cool es ist, dass man das normalerweise miteinander teilt.

Für Luisa nehmen Gefühle einen großen Bestandteil ihrer Wahrnehmung ein. Julia ist eher pragmatisch. Beide sagen, dass es ihnen sehr wichtig ist, warum und wofür sie etwas tun.

So schätzen sich Luisa (blauer Kreis) und Julia (rosa Kreis) selbst ein.

Wie schafft ihr es seit Luises Rückkehr, eine gute Balance zwischen operativer Arbeit und Beziehungsarbeit herzustellen?

Julia: Wir hatten uns schon vor Luises Rückkehr darauf geeinigt, dass sie zunächst die Themen übernimmt, die in den letzten Monaten zu kurz gekommen sind: die Entwicklung neuer Ideen und Strategiearbeit. Das passte gut, weil Luise mit mehr Distanz auf das Unternehmen blicken konnte als ich. Wenn wir nicht aufpassen, vereinnahmen uns die täglichen Herausforderungen in diesem Unternehmen komplett. So ging es mir die letzten Monate. Deshalb habe ich Luises neuen Vorschlägen am Anfang auch zu wenig Beachtung geschenkt.

War die Aufteilung also schlecht?

Julia: Die Idee war eigentlich richtig gut, aber in der Praxis fühlte es sich für mich überfordernd an. Ich hatte überhaupt keinen Kopf für etwas Neues und auch keine Ahnung, wie wir diese neuen Ideen umsetzen sollen. Luise war für mich wie ein kleines Pony, das mit vielen tollen Ideen über die Wiese springt. Ich war im Kämpfer-Modus, wo es darum geht, das Überleben zu sichern. Deshalb habe ich es nicht geschafft, für eine Stunde in der Woche alles andere auszublenden und mich zusammen mit Luise hinzusetzen und ihr Feedback zu geben. Mir ist total klar, dass das wichtig ist, um das Unternehmen weiterzuentwickeln. Das würde ich rückblickend versuchen, besser zu machen.

Welche neuen Routinen habt ihr etabliert, damit ihr wieder gut zueinander findet?

Luise: Wir haben jetzt einmal im Monat ein Gründerinnen-Offsite. Ich hatte die Idee, dass wir dort sowohl operative als auch emotionale Themen besprechen können. Im Grunde haben wir heute aber keine feststehende Agenda. Im Grunde haben wir aber keine feste Agenda, zum Teil basteln wir die erst Minuten vor dem Termin zusammen.

Julia: Das stimmt nicht.

Luise: Naja, vielleicht eine Woche vorher. Was wir aber nicht tun, ist unserer Beziehungsebene mehr Raum zu geben. Ich weiß, dass Julia das nervig oder ineffizient findet. Ich habe nicht immer die Durchsetzungskraft, um zu sagen: „Ich will das jetzt thematisieren, ich brauche das!“ Das ist in kleinen Nuancen mal Teil des Meetings, aber nicht in der Ausführlichkeit, von der ich glaube, dass es uns gut tun würde.

Wie viele Gefühle tun euch denn gut?

Julia: Ich weiß, dass ich keinen besonders intensiven Zugang zu meinen Gefühlen habe. Ich komme, so glaube ich zumindest, sehr gut mit 50 Prozent des Gefühlsvolumens aus, das andere Menschen benötigen. Luise ist ein emotionaler Mensch, der sehr viel Wert darauf legt, über Gefühle zu sprechen. Ich bin eher rational und tue mich nicht immer leicht damit, vor allem im Business-Kontext. Ich mache das in unseren Offsites hauptsächlich für Luise, mich brächte wahrscheinlich eine Diskussion auf Sachebene weiter. Gleichzeitig ist mir klar, dass wir in unserer Beziehung immer einen Zwischenweg finden müssen.

Luise: Wir hatten uns über das halbe Jahr, in dem ich weg war, auch voneinander entfernt. Mir war wichtig, wieder zu spüren, dass wir uns nah sind, uns vertrauen und dass da dieser gemeinsame Blick auf das Unternehmen ist. Das hat ein paar Wochen gedauert und ein paar solcher Gespräche gebraucht, die etwas holprig, aber am Ende gut waren. Häufig haben wir nach einer Stunde Diskussion gemerkt, dass wir das Gleiche wollen, aber aus zwei völlig verschiedenen Blickwinkeln darauf schauen. Mir hat geholfen, wieder zu merken, dass es dieses Wir noch gibt.

Julia: Aus solchen schwierigen Gesprächen am Ende gestärkt herauszugehen, wäre für mich mit vielen anderen Menschen gar nicht möglich.

👫 Über Klara Grün

Klara Grün ist ein ökologisch und sozial faires Putz-Start-up für Geschäftskund*innen mit aktuell 37 Mitarbeitenden. Das Unternehmen wurde 2018 gegründet und stellt seine Putzmittel aus nachhaltigen Zutaten selbst her. Mitarbeiter*innen bekommen faire Löhne, unbefristete Verträge und werden in die Unternehmensgestaltung einbezogen. Damit stechen sie aus der Reinigungsbranche hervor.

Außerdem putzt Klara Grün vor den Augen der Kund*innen: Bewusst achtet das Start-up darauf, dass ihre Arbeit und die Reinigungskräfte sichtbar werden und nicht in dunklen Fluren putzen, bis am nächsten Morgen die ersten Menschen ins saubere Büro kommen. Auch damit wollen sie das Putzen zu einem angesehenen, wertvollen Job machen.

Mittlerweile hat sich eure Situation umgekehrt: Jetzt ist Julia schwanger. Was macht ihr anders als bei Luises Schwangerschaft?

Luise: Ich freue mich total und glaube, dass das für unsere Beziehung gut ist, weil wir dann eine Erfahrung mehr miteinander teilen. Corona und die finanzielle Situation sind immer noch da, aber das ist für mich losgelöst von der Schwangerschaft. Mir ist wichtig, dass wir uns in den nächsten Monaten nicht zu sehr vom Alltag auffressen lassen und dann verpassen, uns in Ruhe vorzubereiten und Aufgaben verantwortungsvoll zu übergeben.

Julia: Ich habe das Gefühl, dass wir eine bessere Beziehung haben als im vergangenen Jahr. Wir sind entspannter im Umgang miteinander und können uns trotzdem gegenseitig sagen, was uns nervt.

Luise, wie viel wirst du in Julias Abwesenheit arbeiten?

Luise: Ich arbeite aktuell 25 Stunden und werde auf 30 Stunden hochgehen. Das ist das, was auf dem Papier steht. Als Gründerin arbeite ich am Ende mit Sicherheit etwas mehr, aber das wussten wir ja vorher. Ich habe ein Urvertrauen, dass wir das hinkriegen. Als Mutter bin ich unersetzlich. Aber als Geschäftsführerin bin ich es. Weil ich dem Team vertraue, kann ich meinen Planungs- und Strukturdrang auch mal über Board werfen.

Wofür seid ihr einander dankbar?

Julia: Luise ist mit mir den Weg gegangen, zu einer Version meiner selbst zu werden, die ich viel besser finde als die Julia vor drei Jahren. Ich habe ein viel größeres Zufriedenheitslevel durch sie. Klara Grün und Luise sind untrennbar mit mir verbunden. Luises Struktur und ihr Blick aufs große Ganze sind wichtig für uns, genauso wie ihre Ader im Umgang mit Menschen. Bei Klara Grün leben wir davon, dass die Menschen, die bei uns arbeiten, glücklich sind und Luise hat starke Beziehungen zu den meisten hier. Das fällt ihr leicht und ich weiß, dass ich das nicht einfach lernen kann. Vielleicht sind wir nicht die Einfachsten miteinander, aber offenbar die Richtigen.

Luise: Wofür ich Julia liebe und beneide, ist, dass sie so gute Antworten geben kann. Mir fehlen manchmal die Worte und ich kann erst einen Tag später formulieren, was mir durch den Kopf geht. In mir drin gibt es ein Feuerwerk an Emotionen und ich habe Angst, etwas Falsches zu sagen. In solchen Momenten weiß ich, dass Julia jetzt irgendetwas Schlaues sagen wird. Wir sind uns vor ein paar Jahren begegnet, obwohl wir uns nicht gesucht haben. Ich hatte nicht den Plan, zu gründen. Das hat sich erst durch unsere Begegnung ergeben. Es gab viele Situationen, in denen wir aufeinander gekracht sind. Andere Beziehungen wären daran wohl gescheitert, aber wir haben immer wieder die Auseinandersetzung gesucht. Dafür bin ich uns beiden unendlich dankbar.

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