Geld

So gestaltest du dein eigenes Arbeitszeit-Modell

Text: Henri Backmund
Illustration: Lucie Langston

Viele Menschen würden gerne weniger arbeiten, trauen sich aber nicht. Wie lässt sich das ändern?

Laut einer aktuellen Studie des Ifo-Instituts wünschen sich 50 Prozent der männlichen und 41 Prozent der weiblichen Beschäftigten in Deutschland, weniger zu arbeiten, und würden dafür einen Lohnverzicht in Kauf nehmen.1

Formal gibt es schon seit einiger Zeit das Recht auf Teilzeit: Das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfg) gesteht allen Arbeitnehmer*innen das Recht auf Teilzeitarbeit zu.2 Neben dem Anspruch auf zeitlich unbegrenzte Teilzeitarbeit gibt es seit Anfang 2019 ebenso den Anspruch auf zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit. Bei der sogenannten Brückenteilzeit wird den Angestellten erlaubt, nach der abgemachten Teilzeitphase wieder zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren.

Dennoch arbeiten knapp 71 Prozent der Deutschen in Vollzeit.3 Warum ist das so? Und wie lässt sich das ändern?

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Welches Teilzeit-Modell ist das richtige?

Für viele scheitert die Umsetzung schon vor dem Versuch; zu groß ist die Angst vor Gehaltseinbußen, Inhaltseinbußen und Vorurteilen. Auch das Arbeitszeitmodell zu finden, das für einen selbst das richtige ist, ist eine Herausforderung. Schließlich gibt es nicht das eine Teilzeit-Modell, sondern unterschiedliche Modelle, von denen das passende für die individuellen Bedürfnisse gefunden werden muss.

Um erste Schritte in Richtung eines passenden Arbeitszeitmodells zu gehen, hilft es, sich anzuschauen, wie andere ihre Arbeit organisieren:

Judith Van Dorp

Judith arbeitet in drei verschiedenen Teilzeit-Jobs. Diese sind teilweise zeitlich unflexibel und bieten ein festes Einkommen, andere sind in jeder Hinsicht flexibel. Sie erfüllt sich damit den Wunsch, neben einem abwechslungsreichen Arbeitsleben mindestens 2 Stunden pro Tag in der Natur zu sein.

Artur Kos

Seit der Gründung von Arturs Recruiting-Agentur Blackbird Collective folgen die Organisation und er dem Modell der Vier-Tage-Woche. Die mittlerweile 19 Mitarbeitenden arbeiten remote zwischen 24 und 32 Stunden pro Woche.

Stefan Bergner

Mit der Geburt seines Sohnes ist Stefan nicht mehr nur Führungskraft, sondern auch Vater. Um diese Rollen vereinen zu können, balancieren seine Partnerin und er den Haushalt und ihr Arbeitsleben gemeinsam. Stefan hat seit der Geburt seines Kindes vor 5 Jahren seine Arbeitszeit schrittweise aufgestockt und arbeitet nun 6 Stunden an 5 Tagen in der Woche.

Geld, Zeit, Karriere – was bedeutet der Weg in die Teilzeit?

Judith van Dorp und Stefan Bergner haben sich für verschiedene Teilzeitmodelle entschieden.

Im Moment überwiegen für unsere Gesprächspartner*innen die Vorteile ihres Arbeitszeitmodells. Das war aber nicht immer so. Vor und während des Umstiegs hatten sie Zweifel: Würde das künftige Gehalt ausreichen, um gut und sorgenfrei davon zu leben? Würden sie trotz der Teilzeitarbeit noch für Beförderungen in ihrem Unternehmen in Betracht kommen? Würden sie noch ernst genommen werden und in wichtige Entscheidungsprozesse einbezogen?

Ein neues Arbeitszeitmodell lässt sich nicht ohne die Geldfrage denken. Schließlich bedeutet eine Reduzierung der Arbeitszeit in der Regel auch ein geringeres Einkommen und geringere Rentenansprüche.

Auch Stefan hat Positives zu berichten: „Trotz meiner Teilzeitstelle habe ich Führungsverantwortung und wurde sogar befördert. Meine Kolleg*innen schätzen meine Vorreiterrolle im Unternehmen. Ich habe keine Aufgaben vollkommen an jemand anderen abgegeben. Vielmehr bekommen meine aufstrebenden Kolleg*innen die Chance, in den Nachmittags- und Abendstunden, wenn ich dann für mein Kind da bin, in meine Aufgaben hineinzusehen und daran zu wachsen.“

Als Führungskraft in Teilzeit gehört Stefan zu einer Minderheit von lediglich 9 Prozent der Führungskräfte in Deutschland4 – eine deutliche Mehrheit unter ihnen Frauen.

So baust du dir deinen eigenen Arbeitszeit-Prototypen

  1. Deine Wunsch-Wochenarbeitszeit: Zunächst solltest du klären, wie viele Stunden pro Woche du gerne arbeiten würdest. Diese Stunden können sich ganz individuell auf die Wochentage verteilen. Wo liegt die Untergrenze an Stunden, die du gerne arbeiten würdest? Wo die Obergrenze? Das Mittel der beiden Werte kann als Orientierung dienen.
  2. Freiraum-Blocker eintragen: Denke an alles außerhalb der Arbeit, das dir Energie gibt und Freude bereitet. Gehe dazu durch deinen Kalender der letzten Wochen und notiere alle wiederkehrenden Tätigkeiten (bspw. Sport, Ehrenamt, sonstige Verpflichtungen), die du außerhalb deiner Erwerbsarbeit machst. Wofür würdest du außerdem gerne mehr Zeit haben? Welche dich erfüllenden Rollen hast du im Privaten? Schraffiere deine Freiraum-Blocker farbig im Kalender. In diesen Zeiten willst du auf keinen Fall arbeiten.
  3. Arbeitsbezogene Rollen sammeln: Nun geht es darum, die verbleibenden Lücken zu füllen. Es kann sein, dass nicht alle Tätigkeiten, denen du derzeit bei der Arbeit nachgehst, in dein Teilzeitmodell passen. Um mehr Klarheit darüber zu bekommen, wo hier die Prioritäten liegen, hilft es, deine(n) aktuellen Job(s) nicht als Position zu denken, sondern als Rolle. Eine Rolle ist jede Tätigkeit, der du regelmäßig, beispielsweise täglich, wöchentlich oder monatlich, nachgehst. Sammle zunächst diese Tätigkeiten und formuliere sie dann zu Rollen um. Wenn dir keine wiederkehrenden Tätigkeiten mehr einfallen, kannst du deine To-do-Listen der vergangenen Wochen durchgehen, um tatsächlich geleistete Arbeiten zu identifizieren.
  4. Rollen bewerten: Gehe im nächsten Schritt alle identifizierten Rollen nacheinander durch. Verorte sie auf einer Matrix mit den Achsen Zeitaufwand und relative Priorität, indem du dich für jede Rolle fragst: Wie viel Zeit nimmt die Rolle in Anspruch? Wie wichtig ist die Rolle für mich und meine Organisation?
  5. Arbeitszeitkalender vervollständigen: Was die Übung bis hierher hoffentlich gezeigt hat: Es gibt nicht den Job. Auch klassische Positionen lassen sich in kleinteilige Rollen zerlegen und auf diese Weise neu arrangieren. Integriere im letzten Schritt der Übung deine priorisierten Rollen in deinen Kalender. Trage die Rollen mit deren zeitlichem Aufwand ein. Beginne mit den Rollen oben links in der Matrix (hohe relative Priorität, wenig Zeitaufwand) und arbeite dich zu den Rollen unten rechts vor. Übertrage Rollen, die nicht mehr in deinen Kalender passen, in den Rollen-Backlog. Welche Rollen kannst du in dem Arbeitszeit-Modell nicht nachgehen?
  6. Wenn dein Kalender dich priorisieren würde: Dein neuer Kalender zeigt dir nun nicht nur, bei welchen Rollen deine Priorität liegt, sondern auch, dass du diese unter einen Hut bekommen könntest. Er kann dir dabei helfen, in deinem Erwerbskontext konkrete Schritte einzuleiten, die dich deinem Wunsch-Arbeitszeitmodell näher bringen. Vieles wird sich erst ergeben, wenn du deinen Weg in alternative Arbeitszeitmodelle tatsächlich gestartet hast. Dein Modell wird ein Prozess sein, bei dem es darum geht, immer wieder Kleinigkeiten anzupassen.

  1. „Viele Deutsche möchten weniger arbeiten“, ifo Institut, 30. März 2021
  2. „Rund um das Gesetz zur Teilzeit“, Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 01. Januar 2019
  3. „Voll- und Teilzeitbeschäftigte. Die soziale Situation in Deutschland.“, Bundeszentrale für politische Bildung, 28. November 2020.
  4. Stefan Stuth & Lena Hipp: „Führung in Teilzeit? – Eine empirische Analyse zur Verbreitung von Teilzeitarbeit unter Führungskräften in Deutschland und Europa“ in Teilzeitführung – Rahmenbedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten in Organisationen, Springer Gabler, 2017.
Ein Mann, der an einem Schreibtisch sitzt. Sein Kopf raucht.

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