Kinski meets McKinsey

Für Google statt für das Gute: Warum arbeiten so viele schlaue Leute in fiesen Firmen?

In dieser Kolumne lassen wir alles Konstruktive und Lösungsorientierte beiseite und schaffen Raum für Wut. Diesmal richtet sie sich gegen all die klugen Köpfe unserer Generation, die für Firmen wie Google, Amazon und Zalando arbeiten statt gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Text: Sebastian Klein
Grafik: Grafikladen

Ein Geldschein mit der Aufschrift „I am a piece of paper and I control your entire life“

Wer für Google arbeitet, mag zwar einen Anteil daran haben, dass Menschen schneller von A nach B finden oder sich keine Sorgen um Speicherplatz mehr machen müssen. Doch am Ende des Tages dient das alles nur dem Zweck, die Werbeeinnahmen dieses Tech-Giganten weiter zu steigern. Wer für Amazon arbeitet, trägt vor allem dazu bei, den ohnehin schon perversen Reichtum des aktuell reichsten Menschen der Welt weiter zu mehren – im Dienste eines Unternehmens, dessen Werte keinerlei moralische oder weltverbessernde Komponente beinhalten.

Kein moralischer Kompass

Das kann jede*r selbst nachlesen: Die Amazon Leadership Principles beinhalten lauter kluge Gedanken rund um Kundenzentrierung, Qualitätsanspruch und Ergebnisorientierung, allerdings keine Werte im moralischen Sinne. Und Firmen wie Zalando und die allermeisten Venture-Capital-Fonds existieren nur aus einem Grund: um den Wohlstand derer zu mehren, die eh schon zu viel haben. All diese Firmen tun wenig bis nichts, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen. Schlimmer noch: Sie spannen die klugen Köpfe in ihre Dienste ein, die woanders einen sinnvollen Beitrag leisten könnten.

Wer seinen Job sinnlos und leer findet, sollte ihn kündigen. Besser heute als morgen.

Zeit zu handeln

Währenddessen geht die Welt, wie wir sie bisher kennen, zugrunde. Das hat sich mittlerweile schon bis zu Richard David Precht herumgesprochen. Der Klimawandel steht längst nicht mehr vor der Tür, wir sind schon mittendrin. Die Weltuntergangsuhr steht auf 2 Minuten vor 12, an allen Ecken und Enden der Welt erstarken rückwärtsgewandte Regimes, und das mächtigste Land der Welt wird von einem Wahnsinnigen regiert.

Warum machen es sich so viele so leicht?

Und was machen all die Menschen, die in früheren Zeiten die Glühbirne erfunden, den Enigma-Code entschlüsselt und den ersten Menschen zum Mond geschickt haben? Warum arbeiten die nicht an Lösungen für den Weltfrieden und an Technologien, die den Klimawandel eindämmen? Warum arbeiten sie für satte Gehälter in Unternehmen, für die Verantwortung nur ein leeres Werbewort ist? Warum sitzen so viele kluge Menschen in blitzblank geputzten Bürogebäuden und sehen der Welt dabei zu, wie es ihr immer schlechter geht?

Dafür gibt es viele gute Gründe, wir beschränken uns mal auf drei:

  1. Der Bystander-Effekt: Wir Menschen sind soziale Wesen und in ständiger Furcht davor, uns vor anderen zu blamieren. Die Sozialpsychologie hat längst gezeigt, dass Menschen in den abwegigsten Situationen (z.B. wenn sie sehen, wie ein anderer Mensch in aller Öffentlichkeit ausgeraubt oder verprügelt wird) mit Gedanken wie folgenden beschäftigt sind: „Keiner tut was? Dann muss wohl alles in Ordnung sein. Ich halte lieber meine Klappe und gehe weiter.“ Oder eben: „Kommt es nur mir so vor, als sei das alles Blödsinn, was wir hier in diesem Unternehmen jeden Tag machen? Naja, wenn alle anderen das normal finden, dann halte ich lieber die Klappe und arbeite weiter.“
  2. Das Geld: Wir leben in einer Welt, die vom Geld regiert wird. Im Musterland des Kapitalismus gibt es das obszöne Konzept eines persönlichen net worth. Der Wert eines Menschen errechnet sich demnach als Summe seines Besitzes minus dessen Schulden oder Verbindlichkeiten. Viele Menschen messen ihren Wert ein ganzes Stück weit am Gehalt, das sie beziehen. Das machen sich Unternehmen, die sich aufs Geldverdienen spezialisieren, zunutze, indem sie Menschen mit immer weiter steigenden Gehältern (und weiteren, geldwerten Annehmlichkeiten) förmlich in einen goldenen Käfig sperren. Wer nach zehn Jahren Konzernzugehörigkeit den Wechsel in ein Sozialunternehmen oder in eine NGO ins Auge fasst, muss sich auf ziemlich schmerzhafte Gehaltseinbußen gefasst machen – und einen womöglich deutlich reduzierten menschlichen Nettowert.
  3. Der Konsum: Wer erst einmal in einem sinnentleerten Großunternehmen gelandet ist, kommt da so leicht nicht mehr raus. Ein Erklärungsversuch: Menschen, die in der eigenen Arbeit keinen Sinn finden, müssen den alltäglichen Stumpfsinn anderweitig kompensieren. Sie nehmen den Begriff Work-Life-Balance wörtlich: Arbeit nervt und muss durch das Leben, sprich: die Freizeit, umso mehr ausgeglichen werden. Die aufklaffende Lücke schließen sie häufig über Konsum, über Fernreisen, über den vermeintlichen Genuss von Dingen, die sie eigentlich nicht brauchen. Und steigern ihre Lebenshaltungskosten dadurch so sehr, dass sie gleich doppelt auf das hohe Gehalt angewiesen sind. Sich aus dieser Logik zu befreien, ist nicht so einfach.

Aus diesen Gründen ist es wohl verlockender, für Google oder Amazon zu arbeiten als am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Es ist leichter, einfach mit im Strom zu schwimmen, als den Stecker zu ziehen und sich in den Dienst einer sinnvolleren Sache zu stellen. Eingelullt von Konsum und Besitz arbeiten also all die klugen Menschen für die falschen Firmen. Für Firmen, die den Problemen in der Welt nichts entgegensetzen, sondern munter an ihrer Verschärfung mitwirken.

Verantwortung übernehmen und einen Unterschied machen

Doch muss das so sein? Wofür tragen wir denn alle ein riesiges Gehirn mit uns herum, in das wir jahrzehntelang Bildung stopfen? Jede*r von uns ist doch ein freier Mensch, und so sollte auch jede*r handeln: Wer seinen Job sinnlos und leer findet, sollte ihn kündigen. Besser heute als morgen. Wer der Meinung ist, der Klimawandel sei ein Problem, sollte aufhören, seine ganze Lebensenergie einem Unternehmen zu schenken, das nur des Geldes wegen existiert. Sicher braucht es Fantasie und Mut, um daran zu glauben, dass man allein überhaupt etwas zum Positiven verändern könnte — doch von selbst haben sich Probleme auch noch nie gelöst. Dazu hat sich schon Albert Einstein geäußert: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Wer diese Einsicht einmal hatte und noch immer glaubt, „die Politik“ oder „die Wirtschaft“ werde es schon richten, dem sei an dieser Stelle aufs Schärfste widersprochen: Die Politik und die Wirtschaft, das sind wir selbst. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, sagt schon das Grundgesetz. Alle Macht liegt bei uns, und statt den vermeintlichen persönlichen Nettowert weiter zu steigern, sollte jede*r von uns den Arsch aus dem Bürostuhl heben und damit aufhören, seine Arbeitskraft und Energie den Falschen zu schenken.

Eine Öffnung, die aussieht wie ein Arschloch

Kinski meets McKinsey

Warum sind Arschlöcher so erfolgreich? Und was können wir dagegen machen?

Eigentlich fokussieren wir uns eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Doch manche Dinge machen uns so wütend, dass es gar nicht so leicht ist, konstruktiv zu bleiben. Dafür gibt es diese Kolumne. Diesmal geht es um die Frage, wieso unsere Welt von egoistischen Arschlöchern regiert wird – und welchen Anteil wir alle daran haben.