Ego

Die Jobhunterin

Gesine Herrmann vermittelt auf ihrem Blog Gesines Jobtipps sinnstiftende Stellen an Geisteswissenschaftler*innen. Um davon zu leben, setzt sie auf die freiwillige Zahlungsbereitschaft ihrer Nutzer*innen.

Interview: Lena Fiedler

Gesine Herrmann die Jobhunterin

Liebe Gesine, wie finde ich den Job, der zu mir passt?

Was möchtest du denn wirklich machen? Was macht dir Spaß? Was korreliert mit deinen Werten und Vorstellungen? Für mich ist die Arbeit mit dem Rest des Lebens eng verknüpft. Deswegen sollten sich die Werte, die man im sonstigen Leben mit sich herumträgt, auch im Arbeiten niederschlagen. Die Zeit, in der Menschen ihr ganzes Leben lang nur einen einzigen Job gemacht haben, ist ohnehin vorbei. Das kann für viele eine Chance, aber auch ein Stressfaktor sein: Man muss sich immer wieder neu ausrichten und immer wieder neu nach Jobs suchen. Dadurch kann man aber auch den für sich passenden Job finden.

Wenn ich Stellenanzeigen lese, habe ich das Gefühl, dass alle Jobs gleich sind: Sie haben immer was mit Kommunikationsfähigkeit, Teamwork und auf jeden Fall Social Media zu tun.

Es gibt Stellenausschreibungen, die besser gemacht sind als andere. Bei manchen merkt man, dass sich jemand wirklich überlegt hat, welche Tätigkeiten den Job ausmachen. Und es gibt andere Stellenausschreibungen, die allgemeiner formuliert sind. Der Grund dafür könnte sein, dass die Menschen, die Stellenausschreibungen schreiben, für diese Tätigkeit sehr unterschiedlich qualifiziert sind. NGOs, Stiftungen und Vereine haben manchmal niemanden, der im Bereich Personal ausgebildet ist. Die machen das dann nebenbei und eher selten, weil sie nicht viele Stellen haben. Eine größere Organisation mit einem eigenen Recruiting Manager geht andere Wege, was das Employer Branding angeht.

Erkenne ich einen guten Job an einer guten Ausschreibung?

Nein. Ein Verein kann ein wunderbares Projekt haben, das perfekt zu den eigenen Interessen und Qualifikationen passt. Deren Stellenausschreibung klingt aber vielleicht ein bisschen zusammengestückelt. Und hinter einer schicken Stellenausschreibung kann sich ein schlechter Job verbergen.

Wie sieht es beim Thema Gendern aus? Kann man daran erkennen, wie die*der Arbeitgeber*in so tickt?

Es ist relativ weit vorgedrungen, dass man heutzutage gendert.

Das heißt aber nicht, dass dahinter ein gendersensibles Team steckt?

Genau. Seit das dritte Geschlecht gesetzlich verankert ist, wissen alle, dass sie in der Stellenausschreibung ein d für divers hinzufügen müssen. Das heißt aber nicht, dass es ein von allen geteilter Wert im Unternehmen ist. Da sollte man lieber einen Blick auf die Website werfen. Dort findet man oft unter den Begriffen Werte, Philosophie oder Vision mehr Informationen. Aber diese Texte sind auch wie Social Media, das ist Repräsentation nach außen.

Du hast es dir zur Mission gemacht, nur gute Jobs zu vermitteln. Wie machst du das dann?

Ich veröffentliche größtenteils Jobs für Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen. Und ich fokussiere mich hauptsächlich auf den nichtkommerziellen Bereich. Das heißt, ich schaue auf die Organisationsform: Vereine, Stiftungen, gGmbHs oder auch Forschungsinstitutionen. Kommunikationsagenturen teile ich nur, wenn die nicht die Kampagne für den nächsten Verbrennungsmotor machen. Dann schaue ich, wen sie suchen, und was für formale Qualifikationen sie erwarten.

„Dieses ganze Premium-Content-Abo-Preise-Paywall-Ding ist nichts für mich.“

Wie sieht es mit dem Thema Bezahlung aus?

Für den öffentlichen Dienst und für viele Organisationen, die analog bezahlen, schaue ich auf die Entgeltgruppe. Wenn eine Stelle unter der Tarifstufe 9 oder 9b liegt, ist sie für mich raus. Das sind etwa 2.600 Euro brutto.

Damit möchtest du verhindern, dass sich Menschen mit Hochschulabschluss unter Wert verkaufen?

Zum Teil. Ob man das selbst als unter Wert empfindet, nachdem man drei Jahre für den Bachelorabschluss studiert hat, bleibt allen selbst überlassen. Bewerber*innen müssen wissen, dass der öffentliche Dienst extrem formalisiert ist. An den ganzen Stufen hängen Verantwortungen, die dann in Geld umgemünzt werden. Wenn man in Jobbeschreibungen guckt, die nach Tarif 6 bezahlen, dann beinhaltet die Tätigkeit deutlich mehr Zuarbeit, Verwaltung und Datenbankpflege, also deutlich weniger Verantwortung. Ich habe einen anderen Fokus.

Kann man allgemeingültige Kriterien für gute Jobs aufstellen?

Ich sage auf meiner Seite nicht, dass es per se gute Jobs sind, die ich da veröffentliche. Deswegen heißt die Seite ja auch Gesines Jobtipps. Ich habe Politikwissenschaften und interkulturelle Kommunikation studiert - also Fächer, bei denen selbst die Studienberater*innen nicht unbedingt wissen, was genau man damit machen kann – heutzutage zum Glück jede Menge! Genau das ist eines meiner Anliegen. Ich will zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten.

Wie kam es, dass du deine private Jobsuche zum Beruf gemacht hast?

Mir hat es immer Spaß gemacht, nach Stellen zu suchen. Während ich für mich gesucht habe, habe ich auch Ausschreibungen gesehen, die für mich selbst nicht infrage kamen. Die habe ich dann an Freund*innen weitergeleitet. Martin, ein Freund von mir, macht Deutsch als Fremdsprache, dem habe ich dann passende Stellen per Mail geschickt. Und genau dieser Martin erzählte mir dann irgendwann, dass er sich auf eine Stelle bei der Musikschule beworben habe. Martin war in meinem Kopf abonniert auf Deutsch als Fremdsprache. Und das war dann der Punkt, an dem ich verstanden habe, dass meine Vorauswahl und das Verschicken von Mails an einzelne Leute unzureichend ist. Deswegen habe ich dann 2013 das Blog gestartet. Der zweite Schritt war die Selbständigkeit. Als meine alte Projektstelle ausgelaufen war, habe ich mir gedacht: Ich versuch es jetzt Vollzeit.

Hast du einen Geheimtipp, um gute Jobs zu finden?

Was immer wieder zu guten Ergebnissen führt, ist, auf die Seiten der Arbeitgeber*innen direkt zu gehen, weil die meisten Portale nur Stellen anzeigen, für die Anzeigen geschaltet wurden. Im Zweifelsfall überlegen sich Arbeitgeber*innen sehr genau, für welche Positionen sie Geld in die Hand nehmen, um eine Stelle auszuschreiben. Sie haben meistens mehr Stellen, die sie aber nicht alle inserieren lassen. Was ich immer wieder höre, ist, dass persönliche Kontakte und Hörensagen oft zum Erfolg führen. Ich rate immer zu einem Mix der Methoden.

Und wie finanzieren die Jobtipps dein Leben?

Durch freiwilliges Bezahlen. Ich bitte alle, die meine Seite nutzen, einen Betrag ihrer Wahl zu überweisen. Auf der einen Seite sind das Leute, die einen Job suchen, und auf der anderen Seite sind es die Arbeitgeber*innen, die Stellen ausschreiben. Ich habe Empfehlungen auf meinem Blog für beide Gruppen, die Entscheidung liegt aber bei denjenigen, die meinen Service nutzen.

Hattest du nicht ein bisschen Schiss, ein kostenloses Angebot ins Netz zu stellen?

Nein, überhaupt nicht. Dieses ganze Premium-Content-Abo-Preise-Paywall-Ding ist nichts für mich. Die Freiheit, die ich meinen Nutzer*innen anbiete, macht auch mich frei. Bei einem Festpreis würde es sich für mich so anfühlen, als wäre ich gebunden. Ich will auch nicht, dass Geld eine Hürde wird, die darüber entscheidet, wer mein Angebot nutzen kann.

„Ich halte nichts davon, über Geld zu schweigen.“

Im Januar 2020 hast du 6.221,00 Euro brutto verdient. Dein Gehalt kann jeder auf deiner Seite nachlesen. Warum gehst du damit so transparent um?

Ich käme mir komisch vor, das ganze Geld zu nehmen, aber nach außen hin gar nichts zu verraten. Darin liegt für mich eine Wertschätzung und eine Dankbarkeit den Leuten gegenüber. Unabhängig davon geht es mir um Transparenz um der Transparenz willen. Ich halte nichts davon, über Geld zu schweigen.

Würde sich für dein Business nicht eine KI-Anwendung eignen, die für dich Jobs sucht?

Da gibt es Vor- und Nachteile. Als Arbeitgeber*in könnte man standardisierte Bewerbungen schnell erfassen, da definiert wäre, wie die Anforderungen an Bewerber*innen aussehen. Aber das macht blind für Lebensläufe abseits der Qualifikationen. Nicht alles lässt sich anhand eines Levels bestimmen. Viel findet nach wie vor im Zwischenmenschlichen statt. Das ist nur möglich, indem man sich mit dem Menschen hinter dem Bewerbungsschreiben auseinandersetzt. Das kann eine KI nicht.

Und Algorithmen?

Da habe ich eine latente Skepsis. Gesines Jobtipps sind ein Ausdruck dessen. Deswegen schreibe ich auf meinem Blog auch, dass meine Jobtipps handverlesen sind. Das Wort habe ich mit großem Bedacht gewählt. Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Direkt nach meinem Studium der Politikwissenschaften saß ich bei der Bundesagentur für Arbeit. Vor Ort tippten die dann Politikwissenschaften in ihren Computer ein und mir wurde dann ein Stellenangebot als Redenschreiberin beim Bundespräsidenten ausgespuckt.

Klingt doch super!

Ich kann vieles, aber ich bin keine Redenschreiberin. Das war aber weder für die Beraterin noch für dieses Portal eine Option, weil der Job und ich offensichtlich ein Match waren. Schlagworte sind halt immer unzulänglich. Für eine erste Orientierung reichen sie, danach muss man selber schauen.

Ich bin Geisteswissenschaftlerin auf der Suche nach Jobs, aber verzage ein wenig, wenn ich Anforderungen in den Stellenausschreibungen lese. Hast du einen ultimativen Tipp für mich?

In Ratgebern wird immer gesagt, wer 85 Prozent der Anforderungen erfülle, solle sich bewerben. Unter Umständen haben Geisteswissenschaftler*innen im Gegensatz zu den - etwas stereotyp formuliert - breitbeinig dastehenden Wirtschaftswissenschaftler*innen jahrelang zu hören bekommen, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt geringer seien. Meine erste Stelle war eine 60-Prozent-Stelle mit 1.000 Euro netto. Ich habe mich gefühlt wie Krösus, weil mir mein ganzes Studium über vermittelt wurde, dass ich sowieso keinen Job finde. Deswegen würde ich dazu raten, einfach bei Gesprächen eine Schippe draufzulegen und zu sagen: Ja, kann ich. Mein ultimativer Tipp ist aber: Mache das, was du gern machst und gut kannst, und mache dich selbstständig.

Zur Person

Gesine Herrmann ist Gründerin, Jobcoach und Karriereberaterin. Auf ihrem Blog Gesines Jobtipps hat sie in den letzten viereinhalb Jahren 10.000 Jobs für Geisteswissenschaftler*innen in Berlin und Umgebung veröffentlicht. Ihre Bekanntheit ist mittlerweile so groß, dass sie ab und an auf der Straße erkannt wird.

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