Sinn

Generation Purpose: Wieso, weshalb, warum?

Alle Klischees, die der Generation Why und ihren Start-ups zugeschrieben werden, stimmen.

 Illustration: Johanna Walderdorff

Die ersten Artikel über unsere Generation gab es, bevor wir überhaupt wussten, dass wir eine Generation sind. Wir bekamen den Namen „Why“ und wurden als unbequem anders beschrieben. Eine Generation von Kindern, denen ein Job mit Sinn wichtiger ist als ein Eigenheim mit Doppelgarage. Denen eine Weltreise attraktiver erscheint als eine Rentenversicherung.

Und es stimmt: Uns ist Flexibilität mehr wert als Sicherheit, wir verzichten auf ein eigenes Auto, aber haben 30 Mobility Apps auf dem Handy. Wir scheuen Assessment Center und stören uns bereits am Begriff Human Resources, denn wir sind kein Humankapital irgendeines seelenlosen Konzerns. Wer uns als Arbeitnehmer haben will, muss mehr bieten als ein gutes Gehalt. Und unsere Vorstellung einer erfüllten Karriere ist ohnehin eher das eigene Social-Start-up, eine Strandbar auf den Philippinen oder ein Leben als Yogalehrer.

Wir reden von der Vier-Tage-Woche und arbeiten sieben, davon aber einen am Strand. Wir sind gehetzt, gestresst, verängstigt.

Da wir nicht Schlange stehen für Konzernjobs, geben die sich alle Mühe, um an uns ranzukommen: Zuhauf werden Learning Journeys nach Berlin organisiert, und Reisegruppen von Konzernmitarbeitern, Vorständen und Führungskräften pilgern in unsere Büros. Um dort mit uns Kokoswasser zu trinken, zu meditieren und über Vintage-Rennräder zu philosophieren. Doch hat das alles überhaupt einen positiven Effekt?

Ein unverdienter Titel?

Dieselgate, Klimawandel, Flüchtlingsströme. Unsere Welt sieht nicht so aus, als hätte die Generation Why bislang viel bewegen können. Liegt es uns nicht am Herzen, dass Unternehmen einen positiven Impact haben? Haben wir den Titel unserer Generation überhaupt verdient? Oder heißt der nur, dass wir lieber im Bikini auf Hawaii abhängen als im Großraumbüro? Dass wir lässige Hipster sind, die sich mit Bärten und Rennrädern uniformieren? Die statt einer Beziehung ein Netzwerk haben und statt Familienbanden Linkedin und Slack?

Bei genauer Betrachtung zeigt sich auch: Unsere Start-ups sind zwar klein und agil, aber mitunter sexistischer als Konzerne. In ihnen bauen wir manchmal die gleichen hierarchischen Strukturen, von denen wir einst nichts wissen wollten. Wir reden von der Vier-Tage-Woche und arbeiten sieben, davon aber einen am Strand. Wir sind gehetzt, gestresst, verängstigt. Und sehen dabei vielleicht nur lässiger aus, mit all den Bärten und Instagram-Filtern.

Keine Generation vor uns hat so viele soziale, nachhaltige und faire Unternehmen gegründet.

Hinter dem Klickibunti

Unsere Sehnsucht nach der digital realen Welt ist groß. Und ja, wir sollten uns fragen, wie viel CO2 wir damit verbraten, wenn wir drei bis sechs Fernflüge im Jahr für unseren Urlaub konsumieren. Wir sind 1.000 Diesel in Flip Flops. Dafür kennen wir die Welt so gut wie niemand sonst. Wir sind global vernetzt, haben ernsthafte Freundschaften in Ecuador, Shanghai, Tibet, New York und Berlin. Social Media und Digitalisierung machen uns nicht einsam, sondern sind unser Distanz-Schmiermittel. Wir gründen Gruppen auf Facebook, die Hasskommentaren von AfD-Wählerinnen mit konstruktiven Beiträgen trollen. Wir gucken hinter die Kulissen von Werbebildchen und Schönheitsidealen. Die Instagram-Videos zu #donthatetheshake* sind unsere Lindenstraße. Wir sind müde von Fake, Photoshop und Konformismus und dennoch von ihm geprägt. Wir arbeiten, gründen und widersetzen uns, weil wir selbst bestimmen und die Welt gestalten wollen. Weil wir nicht in Abteilungen denken und nicht wie unsere Väter und Mütter arbeiten wollen. Wir sind Mütter und Führungskräfte, Väter und gleichzeitig Feministen. Wir jubeln, wenn DM alle Produkte von Nestlé aus dem Sortiment nimmt, und gehen auf die Straße, wenn Flüchtlinge überfallen werden.

Die Generation Why ist überall gleichzeitig und auf der ganzen Welt vernetzt

Keine Generation vor uns hat so viele soziale, nachhaltige und faire Unternehmen gegründet. Wir probieren neue Organsiationstrukturen aus, denken Hierarchien neu und nehmen es ernst mit unserer Verantwortung. Wir gründen inklusive Coworking-Spaces, einen Zero-Waste-Shop und eine New-Work-Community. Und wir fangen gerade erst an!

Denn die Generationen nach uns machen bezahlte Praktika in unseren Unternehmen, wo sie als ganze Menschen gesehen werden und sich einbringen können. Wo sie herausfinden können, welchen Beitrag zur Welt sie leisten möchten. Wir werden dafür sorgen, dass wir nicht zu einem selbstreferenziellen Haufen Hipster werden, denen man einst zutraute, die Welt zu verändern. Nicht mehr als eine Anekdote, die sich alte Männer in knarrenden Ledersesseln erzählen, während sie eine Zigarre paffen. Über eine unbequeme Generation, nach der zum Glück wieder bequemere kamen.

Wenn wir erst alt sind und das bedingungslose Grundeinkommen den Kindern unserer Praktikant*innen ein anderes Leben und Wirtschaften ermöglicht, dann werden wir selbst in knarrenden Sesseln sitzen und davon erzählen, dass es einst Abteilungen gab, die man „Human Resources“ nannte und die Menschen als Kapital sahen. Und die Köpfe darüber schütteln, dass es damals alte Männer in Vorstandsetagen gab, die Diesel an Affen testen ließen und sich wünschten, ewig so weitermachen zu können. Und dann kam die Generation Purpose.

Nicht die gesamte Generation Why besteht aus Gründerinnen. Uns ist bewusst, dass wir hier von einem bestimmten Ausschnitt dieser Generation sprechen. Gemeint sind aber auch all diejenigen, die sich dem Mindset dieser Generation und der Beschreibung in diesem Artikel zugehörig fühlen. Egal ob 28, 84 oder 42 Jahre.

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