Ein Geldschein mit einem Mann darauf, der sich den Mund zuhält.

Geld

Lasst uns über Geld sprechen!

Kaum etwas prägt unsere Gesellschaft und die Arbeitswelt so stark wie Geld. Und trotzdem sprechen wir kaum darüber. Das muss sich ändern.

Geld ist eine ziemlich absurde menschliche Innovation: Dank Geld können wir essen, ohne zu wissen, wie man Lebensmittel herstellt. Wir können eine Wohnung mieten, eine andere Person dafür bezahlen, unser Kind auszutragen, politische Entscheidungen beeinflussen oder einen privaten Tagesausflug ins Weltall machen. Geld macht unmögliche Dinge möglich und kein Geld zu haben ein normales Leben unmöglich: Ohne Geld bleibt der Kühlschrank leer und die Kita-Gebühr unbezahlt. Doch obwohl Geld so allgegenwärtig ist, wissen wir fast nichts darüber. Wie kann das sein?

Blick in die Vergangenheit: Geld als menschliches Feature

Eine Figur hält eine Münze in der Hand, die andere einen Vogel, gefaltet aus einem Geldschein.

Eine gängige Erzählung zum Ursprung des Geldes ist, dass es zuerst den Tauschhandel gab und später das Geld. Tauschhandel bedeutet: Wer Gut A hatte und Gut B wollte, musste jemanden finden, bei dem es genau andersherum war. Das konnte jedoch ziemlich kompliziert werden. So wurden zur Vereinfachung zuerst Geld und anschließend Schulden erfunden. So kann ich schneller an Dinge kommen, die ich jetzt benötige, aber erst im nächsten Monat bezahlen kann.

Diese Erzählung aus den Wirtschaftswissenschaften ist eingängig, aber nicht belegt. Stattdessen vermuten Anthropolog*innen wie David Graeber heute,1 dass der unmittelbare Tausch von A gegen B, ohne Umweg über Geld oder Schulden, in vorindustriellen Gesellschaften nur bei Geschäften mit Fremden verbreitet war: Bei denen wollte man direkt etwas in der Hand haben. Freund*innen konnten hingegen schon damals beieinander Schulden aufnehmen.

Eine Person konnte ihr Schaf also schon im Sommer weggeben und darauf vertrauen, dass die andere Person ihr nach der Ernte im Herbst dafür die versprochenen Brote aushändigt. Schon vor 5000 Jahren gab es in Mesopotamien eine Art Buchhaltung. Auf Tontafeln aus dieser Zeit ist nachzuvollziehen, wie Schulden in Keilschrift dokumentiert wurden. Die Tafeln wurden zerbrochen, sobald die Schuld beglichen war.2 Mit Schulden hat es also angefangen, Geld kam erst später dazu.

Im Achsenzeitalter, also wenige Jahrhunderte vor Christus, wurde laut Graeber das Münzgeld eingeführt, um Söldner in einer universellen Währung zu entlohnen. Geld ist also ein Übersetzungsmedium, das Tauschwerte in eine einheitliche Form bringt.3

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Geld ist Vertrauen

Welche Form Geld dabei annimmt, ist im Grunde genommen egal: Menschen haben in der Vergangenheit mit Muscheln gehandelt, mit Steinen oder mit Gold. Ajahn Chah, ein buddhistischer Mönch, prophezeite im 20. Jahrhundert, dass die Menschheit eines Tages mit Hühnerkot handeln würde, wenn es kein Papier oder Metall mehr gäbe. Dann würden Banken unzählige Haufen Hühnerkot horten, Räuber*innen Pläne austüfteln, wie sie große Mengen davon stehlen können und viele Menschen davon träumen, einen besonders großen Haufen Hühnerkot in der Lotterie zu gewinnen.

Die Prophezeiung ist nicht eingetroffen, dennoch hat sie einen wahren Kern: Der Wert, den wir Geld beimessen, entsteht erst dann, wenn Schuldner*in und Gläubiger*in sich auf ein gemeinsames Tauschmittel einigen und darauf vertrauen – ob Gold, Banknoten, virtuelles Geld, das in Form von Bits und Bytes in Computern existiert, oder eben: Hühnerkot.

Geld ist nur eine Idee, eine Abmachung, die auf Vertrauen basiert.

Staatliche Währungen waren lange durch Gold gedeckt. Das bedeutete, das Vertrauen in die Währung basierte nicht allein auf dem Vertrauen in den Staat und seinen künftigen Fortbestand. Sondern auch auf dem Wissen, dass der währungsausgebende Staat zumindest einen Teil des zirkulierenden Geldes in Form von Goldreserven abgesichert hat, und die Annahme, dass der Goldwert stabiler ist als der Geldwert. Seit den 1970er-Jahren ist unser Geld jedoch nicht mehr durch einen solchen Gegenwert gedeckt. Ein 500-Euro-Schein kostet in der Herstellung nur um die 16 Cent. Geld ist heutzutage also nur eine Idee, eine Abmachung, die auf Vertrauen basiert: Wir vertrauen darauf, dass wir uns von dem 500-Euro-Schein auch tatsächlich eine Ware oder Dienstleistung im Wert von 500 Euro kaufen können. Um dieses Vertrauen zu wahren, muss Geld über längere Zeit seinen Wert behalten, sodass wir es zurücklegen und zu einem späteren Zeitpunkt benutzen können – und alle sich immer noch an die Abmachung halten.

Alle Währungen, die nach diesem Prinzip funktionieren, werden Fiatgeld genannt. Das hat nichts mit der italienischen Automarke zu tun, fiat bedeutet hier „es werde“. Der Hintergrund ist der, dass Geld aus dem Nichts geschaffen werden kann: Zentralbanken und Privatbanken können es quasi per Knopfdruck einfach erschaffen.

Der Kapitalismus als Produkt des Geldes

Dieser fiktive, fast mystische Charakter von Geld ist wichtig, um das System zu verstehen, in dem Geld zirkuliert. Laut dem Soziologen Tobias Kohl ist Geld kein Produkt des Kapitalismus, sondern umgekehrt: Der Kapitalismus ist ein Produkt des Geldes.4 Erst das Wesen des heutigen Geldes ermöglicht den Finanzmarkt-Kapitalismus, in dem wir heute leben: ein System, in dem Wohlstand vor allem durch Spekulation und das Bewegen von Kapital entsteht und weniger aus Wertschöpfung im eigentlichen Sinne.

Banken und Finanzgeschäfte galten bis in die 1970er als weitgehend unproduktiv. Ihre Aufgabe war es, die Wirtschaftsleistung anzukurbeln und Investitionsmittel bereitzustellen. Mit der neoklassischen Theorie setzte sich jedoch die Vorstellung durch, dass sich der Wert eines Produktes oder einer Dienstleistung nicht durch die Arbeit bestimmt, die hineingeflossen ist, sondern durch den Preis, den Menschen bereit sind, dafür zu zahlen. Und im Wert-gleich-Preis-System wird alles als Wertschöpfung betrachtet, das irgendwie Geld einbringt.

Eine Figur schaut von einem Stapel Münzen auf andere Figuren herab.

Heutzutage sind das vor allem Finanzprodukte und Spekulationen. Jede*r kennt die Aussage, man solle „sein Geld für sich arbeiten lassen“. Das klingt erst einmal nach Wohlstand ohne Arbeit, also einem bequemen Weg, sein Geld zu vermehren. Aber darin steckt ein Irrglaube: Geld arbeitet nicht, sondern Menschen. Durch diese Irreführung wird die Tatsache verschleiert, dass hinter dem „arbeitenden Geld“ immer Menschen stehen, die den Profit mit ihrer Arbeitskraft erwirtschaften. Aber wer das nicht weiß, beschäftigt sich auch nicht damit, unter welchen (Arbeits-)Bedingungen das eigene Vermögen wächst.

Davon profitieren vor allem Banken, Fonds und Versicherungen und im Grunde alle, die Geld verdienen, indem sie Geld bewegen. Sie verdienen immer mehr Geld damit, dass sie Geld hin- und herschieben, wetten, spekulieren und Finanzprodukte an ahnungslose Konsument*innen verkaufen. Dass sich darüber nur wenige beschweren, liegt vermutlich daran, dass die meisten Menschen zu wenig darüber wissen, wie unser Geldsystem funktioniert. Und die, die sich darüber beschweren, werden nicht gehört.

Der französische Ökonom Thomas Piketty kritisiert diese Entwicklung auf einer weiteren Ebene: Wenn Wohlstand heute vor allem aus Spekulation und dem Bewegen von Kapital entsteht, verschärft das die soziale Ungleichheit.5 Je größer ein Vermögen ist, desto schneller wächst es auch. Menschen, die kein oder nur ein geringes Vermögen haben, können auch keins aufbauen. Sie sind von Löhnen abhängig, die aber verglichen mit Kapitalrenditen sehr gering ausfallen. Das Ergebnis: Eine winzige Minderheit häuft extremen Reichtum an und die große Mehrheit wird im Vergleich dazu immer ärmer.

Kennst du den Finanzplan deines Unternehmens?

Illustration einer Figur, die aus einer Schachtel schaut, die aus Geld gefaltet ist.

Klar ist also: Diejenigen, die mehr in das Spiel investieren können und die Spielregeln besser kennen als andere, profitieren auch eher davon. Und das sorgt nicht nur im Großen für Ungleichheit, sondern auch im Kleinen. Selbst in Organisationen, die den Anspruch haben, neue Arbeit zu leben, wird um Geld in aller Regel ein Bogen gemacht: Die Finanz-Excel-Tabellen sind erschlagend und nicht für alle in der Organisation einsehbar. Keine*r weiß, was der*die Kolleg*in oder gar der*die Chef*in verdient. Jahresbudgets werden hinter verschlossenen Türen verhandelt und Finanzanträge müssen einen komplizierten Genehmigungsprozess durchlaufen.

❓ Leitfragen, um zu ermitteln, wie mystisch Geld in eurer Organisation ist

  • Weißt du aus dem Kopf, wie viel Umsatz und wie viel Gewinn deine Organisation bzw. dein Team macht?
  • Wüsstest du, wo du es nachschauen kannst?
  • Wer hat alles Zugriff auf wichtige interne Finanz-Dokumente wie bspw. die unternehmensweite Finanzplanung?
  • Sind Finanz-Tabellen so aufbereitet, dass du sie ohne Hilfe verstehen kannst?
  • Weißt du, was mit den Gewinnen passiert, die dein Unternehmen erwirtschaftet?
  • Weißt du, was das höchste Gehalt ist, das ihr innerhalb eurer Organisation bezahlt?
  • Und was das niedrigste?

Nur die wenigsten Mitarbeiter*innen kennen und verstehen alle wichtigen Finanzkennzahlen des Unternehmens. Das liegt möglicherweise auch, ganz sicher aber nicht nur, daran, dass sich die Mitarbeiter*innen einfach nicht für Finanzthemen interessieren. Vielmehr wird Geld oft regelrecht mystifiziert. Es wird eine künstliche Komplexität erzeugt, bei der die meisten aussteigen. Das ist aber fatal, wenn man sich vor Augen führt, wie wirkmächtig das Geld in unserer Welt ist. Nur wer auch auf der Geld-Ebene im Bilde ist, weiß, was im Unternehmen passiert. Und wer Geld ausgeben kann, hat Macht. Sollten da nicht alle verstehen, worum es geht und mitgestalten können, anstatt dass immer die ein und dieselbe Person darüber entscheiden kann, ob eine Investition getätigt wird oder nicht?

Geld als Tool zur Organisationsentwicklung

Neues Arbeiten hört nicht beim Thema Geld auf, sondern es beginnt genau da. New Work zu machen, bedeutet, sich zu fragen: Womit verdienen wir unser Geld? Nehmen wir in Kauf, dass beim Geldverdienen Schaden für andere Menschen oder künftige Generationen entsteht? Und, wenn es etwas kleiner sein soll: Bei welchen Finanzinstituten liegt unser Geld? In welche Projekte fließt das Geld aus unserer betrieblichen Altersvorsorge?

Es geht bei all den Fragen nicht darum, von heute auf morgen alles richtig zu machen, sondern darum, sich ihnen überhaupt zu stellen. Mystifizierungsprozesse haben jahrzehntelang dazu geführt, dass Geld – ein Instrument, das wir Menschen selbst geschaffen haben – kaum noch besprechbar ist. Organisationen können ein Ort sein, wo wir im festen Rahmen – beispielsweise in transparenten Gehaltsprozessen – unseren gemeinsamen Umgang mit Geld neu lernen und eine neue money literacy entwickeln.

Solche Gespräche können anstrengend sein, und sie sollten unbedingt von Profis begleitet werden. Sie bringen aber mehr als alles andere Klarheit in die Frage, mit was für einer Organisation wir es zu tun haben. Heute ist Geld oft eine mystische Sache, die unbemerkt im Hintergrund wirkt und alles beeinflusst. Das Ziel sollte sein, das genaue Gegenteil zu erreichen: Geld sollte alle angehen, von allen verstanden werden und somit zu einem Werkzeug werden, mit dem wir die Organisation gestalten können, die wir sein wollen.

💡 Takeaways

  • Geld ist, was als Geld gilt. Ein Geldschein ist also nur deshalb mehr als ein Stück Papier, weil wir daran glauben und darauf vertrauen.
  • Wohlstand entsteht heute vor allem durch Spekulationen und das Bewegen von Kapital. Dadurch bilden sich finanzielle Ungleichheiten zwischen denen, die die bereits viel haben, und denen, die von ihrem Geld leben, anstatt es zur Vermehrung zu nutzen.
  • Auch in New-Work-Unternehmen gibt es beim Thema Geld noch Berührungsängste. Aber Neue Arbeit hört nicht beim Thema Geld auf, sondern beginnt genau da: bei transparenter Finanzplanung, agilen Budgetprozessen und selbstbestimmten Gehaltsmodellen.

  1. zum Weiterlesen: David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett Cotta, 2012.
  2. Patrick Stegemann, „Schulden - ein Angebot, das wir ausschlagen können“, Bundeszentrale für politische Bildung, 03. Juni 2015.
  3. Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857.
  4. Tobias Kohl: Geld und Gesellschaft. Zur Entstehung, Funktionsweise und Kollaps von monetären Mechanismen, Zivilisation und sozialen Strukturen, Marburg, 2014.
  5. Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, C. H. Beck, 2020.
Ein Mann, der an einem Schreibtisch sitzt. Sein Kopf raucht.

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