Illustration eines halbierten Kuchens, auf dem das Wort „fair“ steht. Wenn der Kuchen in gleich große Teile geteilt würde, wäre das am fairsten für alle.

Geld

Warum wir eine höhere Erbschaftssteuer brauchen

Text: Rebecca Kelber
Illustration: Pia Salzer

Manche erben unvorstellbare Summen, viele gar nichts: Zwei Drittel der Deutschen sind gegen eine höhere Erbschaftssteuer, auch Familienunternehmen lobbyieren dagegen. Dabei würden wir alle von ihr profitieren.

Es gibt eine Lüge, an die sehr viele glauben, wahrscheinlich weil sie so verlockend klingt. Sie lautet: „Wenn du dich nur anstrengst, dann wird auch was aus dir.“ Manager*innen und Firmenchef*innen meinen, es hätte an ihrem Ehrgeiz und Fleiß gelegen, dass sie Karriere gemacht haben und nicht an ihrem Elternhaus oder ihren Beziehungen. Die anderen hätten sich eben nicht genug angestrengt.

Wie groß der Einfluss der Herkunft sein kann, merkt Protagonistin Resi in Anke Stellings autobiographischem Roman Schäfchen im Trockenen erst spät. Sie hatte geschafft, was nur die wenigsten Arbeiter*innenkinder hinkriegen: Sie war studieren gegangen. Und sie war in dem Glauben aufgewachsen, jetzt hätte sie ähnliche Möglichkeiten wie ihre Freund*innen, die aus wohlhabenden Elternhäusern stammten. Erst als alle Kinder bekommen, lässt sich der Unterschied nicht mehr wegreden: Resi lebt mit Mann und vier Kindern in einer viel zu kleinen Wohnung, für die ihr auch noch der Mietvertrag gekündigt wird. Ihre Freund*innen in einem gemeinsamen Hausprojekt mit Garten, mitten in Berlin – dank des Geldes der Eltern.

Resi gehört zur ärmeren Hälfte der Deutschen – mit weniger als 26.260 Euro Vermögen.1 Auf der anderen Seite stehen die Erb*innen: Von den sagenhaften 400 Milliarden Euro, die jährlich vererbt werden, entfällt rund die Hälfte auf die reichsten 10 Prozent.2

Reichtum ist eine Superkraft: Er mildert die Stürze im Leben ab und sorgt gleichzeitig in jedem Wettrennen für einen Vorsprung. Wie groß die Unterschiede sind, ist nicht nur für die Resis unter uns problematisch, die zu spüren bekommen, dass sie die anderen kaum einholen können. Sondern auch für die Wohlhabenden. Denn eine gerechtere Welt wäre auch für sie sicherer und freundlicher.3 Wie ist es also so weit gekommen? Und vor allem: Was ließe sich dagegen tun?

Das Cover der NN-Ausgabe Nummer 8 mit dem Titel 'Für eine egofreie Wirtschaft'

Wir schenken dir eine Ausgabe von Neue Narrative!

In der Ausgabe, die wir dir als PDF zuschicken, geht es darum, wie eine Wirtschaftswelt ohne große Egos aussehen könnte.

Wie unsere Gesellschaft so ungleich geworden ist

Um das zu verstehen, müssen wir zunächst einen Blick auf die 1950er-Jahre werfen – in die Zeit, als die Deutschen eifrig damit beschäftigt waren, Hitler und den Holocaust zu verdrängen. Sie konzentrierten sich darauf, genug zu sparen, um ein Haus zu kaufen oder einen Kühlschrank. Wohlstand schien für alle möglich, die Unterschiede zwischen arm und reich waren nach zwei Weltkriegen und einer Wirtschaftskrise dazwischen so klein wie noch nie.

„Es gibt kaum ein Land in der Welt, das Arbeit stärker besteuert und Vermögen geringer besteuert als Deutschland.“

Heute ist die Ungleichheit dagegen auf demselben Niveau wie vor dem Ersten Weltkrieg – und das Steuerrecht ist ihr Motor. Seit den 1960er-Jahren mussten Spitzenverdiener*innen immer weniger Steuern zahlen. Das macht es leichter, Vermögen anzuhäufen. Und seit den 1990er-Jahren gibt es auch keine Vermögenssteuer mehr. Dazu sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: „Es gibt kaum ein Land in der Welt, das Arbeit und Arbeitseinkommen stärker besteuert und Vermögen und Einkommen aus Vermögen geringer besteuert als Deutschland.“

Dazu kommt, dass sich Reiche bessere Steuer- und Vermögensberater*innen leisten können, die Steuerspartricks kennen, die nicht auf finanztip.de stehen. Mit denen lässt sich das Vermögen auch leichter an die Kinder weitergeben. Das führt zu strukturellen Ungleichheiten: Ostdeutsche erben weniger als Westdeutsche, Menschen mit Migrationshintergrund weniger als die, deren Vorfahren schon seit Generationen in Deutschland lebten. Sie haben mehr Zeit, Geld und Bildung, die richtigen Freund*innen und das notwendige Auftreten.

Warum die Ängste vor einer hohen Erbschaftssteuer unbegründet sind

Bist du für eine höhere Erbschaftssteuer? Wenn ja, gehörst du zu den Ausnahmen. Über zwei Drittel der Deutschen sprechen sich dagegen aus.4 Das Thema Erben ist emotional aufgeladen: Eltern sollen ihren Kindern etwas von dem mitgeben können, was sie sich mit harter Arbeit aufgebaut haben, heißt es dann. Das ist ein nachvollziehbarer Wunsch. Nachvollziehbar ist auch die Angst, wegen einer höheren Erbschaftssteuer das Haus nicht an die Kinder vererben zu können. Dabei würden die allermeisten Deutschen von einer höheren Erbschaftssteuer profitieren.

Erb*innen von 20 Millionen Euro zahlen im Schnitt nur 2 Prozent Erbschaftssteuer, bei kleineren Vermögen ist der Prozentsatz höher.

Eigentlich ist es Konsens in Deutschland, dass Resi weniger hohe Steuern zahlen sollte als eine BMW-Erbin. Bei der Erbschaftssteuer gilt dieses Prinzip aber nur bis zu mittleren Vermögen. Das DIW hat ausgerechnet, dass Erb*innen von 20 Millionen Euro im Schnitt nur zwei Prozent Erbschaftssteuer zahlen. Zum Vergleich: Auf 250.000 bis 500.000 Euro sind es im Schnitt immerhin mehr als zehn Prozent.5 Bei der Forderung nach einer höheren Erbschaftssteuer geht es ausschließlich darum, die Superreichen stärker zu belasten.

Das umzusetzen, ist schwer, weil die ein Totschlagargument auf ihrer Seite haben: Sie sind oft Erb*innen von Familienunternehmen. Und die müssten sie verkaufen, um die höheren Erbschaftssteuern zu zahlen. Die Angst: Familienunternehmen würden verschwinden, Firmen im schlimmsten Fall pleitegehen. Dabei gibt es viele Beispiele, die zeigen, dass das nicht stimmt. Aber das macht nichts, denn welche*r Wirtschaftsminister*in möchte schon dem Mittelstand schaden?

Wie gut die Erb*innen mit dem Argument der Familienunternehmen lobbyieren können, hat die Schweiz gezeigt – wo die Vermögensungleichheit noch größer ist als in den USA.6 Dort gab es 2015 einen Volksentscheid über eine höhere Erbschaftssteuer für Superreiche. Die wirtschaftsnahen Verbände warnten, das würde Familienunternehmen bedrohen. Und sie schafften es, eine Mehrheit der Schweizer*innen davon zu überzeugen, gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen. In Deutschland war es damals die Stiftung Familienunternehmen, die heftig gegen eine Erbschaftssteuer lobbyierte. Sie präsentiert sich selbst als Interessenvertreterin von kleinen und mittleren Unternehmen, in ihrem Kuratorium sitzen dann die Aufsichtsratsvorsitzende des börsennotierten Unternehmens Henkel und der ehemalige Erbprinz Karl-Friedrich Fürst von Hohenzollern.

Mehr Umverteilung würde uns allen nützen

Eine höhere Erbschaftssteuer scheint deshalb politisch kaum umsetzbar. Das ist schade, denn es gibt wirklich gute Argumente dafür, etwas gegen Ungleichheit zu tun. Es wäre nicht nur gerechter, wenn dein Lebensweg weniger davon abhinge, wer dich auf die Welt gebracht hat. Oder wenn es keine Ausnahme mehr wäre, dass Menschen wie Resi studieren. Es wäre sogar besser für die Wirtschaft. Denn es schadet dem gesamtwirtschaftlichen Wohlstand, wenn Arbeitsleistung nicht belohnt wird.7

Es gibt diesen Mythos, dass Superreiche nicht mehr vom Staat profitieren würden, weil sie in ihrer eigenen, privat finanzierten Welt leben. Marcel Fratzscher glaubt nicht an ihn. So würden zum Beispiel Straßen, auf denen Unternehmen kostenlos Waren transportieren könnten, vom Staat finanziert. Das würde gerade den Reichen zugutekommen, die Firmen besäßen. Geringverdiener*innen dagegen hätten oft gar kein Auto und nutzen die Straßen also weniger.

Die Gesamtsumme der eingenommenen Erbschaftssteuern bliebe ungefähr gleich. Sie würde sich allerdings gerechter verteilen.

Was könnten wir also tun? Glücklicherweise gibt es Menschen, die über genau diese Fragen nachdenken. Zwei Vorschläge möchte ich hier kurz vorstellen, einen moderaten und einen radikalen. Fangen wir mit dem moderaten an. Er kommt vom Ungleichheitsforscher Marcel Fratzscher. Er schlägt vor, eine Einheitssteuer von 10 Prozent auf Erbschaften und Schenkungen einzuführen, ausgenommen Freibeträge auf kleine und mittlere Erbschaften. Die könnten sehr hoch liegen, eine DIW Studie nennt als Grenze bis zu 400.000 Euro.2 Das würde das Steuersystem radikal vereinfachen und wäre in zweifacher Hinsicht ein Kompromiss. Denn die Gesamtsumme der eingenommenen Erbschaftssteuern bliebe ungefähr gleich. Sie würde sich allerdings gerechter verteilen. Und bei zehn Prozent dürfte das Familienunternehmen-Argument wenig wirken: Kaum ein*e Erb*in müsste sein*ihr Unternehmen verkaufen. Das würde zwar wenig an der krassen Ungleichheit in unserer Gesellschaft ändern, wäre aber immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Alle Menschen könnten Erb*innen werden

Der zweite Vorschlag kommt vom Ökonomen Thomas Piketty: Er wirbt in seinem Buch Kapital und Ideologie für eine radikale Umverteilung. Er möchte das Steuersystem so verändern, dass kaum jemand reicher als ein Millionär werden kann. Wer durchschnittlich viel verdient, muss dagegen kaum Steuern zahlen. Durch das freigewordene Geld möchte er eine Art Bedingungsloses Grundeinkommen fürs Erbe finanzieren. Dazu sollen alle EU-Bürger*innen an ihrem 25. Geburtstag einen ganzen Batzen Geld erhalten, in Deutschland 120.000 Euro. Mit dem können sie machen, was sie wollen: Es fürs Alter sparen, ein Unternehmen oder eine Familie gründen oder es auf den Kopf hauen – ganz so, wie es gerade auch alle machen können, die erben. Alle hätten damit also ein Recht auf Wohlstand.

Pikettys Vorschlag klingt utopisch. Doch wir müssen uns dringend fragen, in was für einer Gesellschaft wir in Zukunft leben wollen – was wir unseren Kindern vererben wollen. Wenn wir weiterhin nichts gegen die Ungleichheit tun, werden Klassenunterschiede irgendwann mit der Geburt festzementiert sein. Und wir werden vergessen haben, dass es für eine kurze Zeit im Westen überhaupt einmal anders war. Die eigentliche Frage ist also: Wollen wir eine Welt, in der sich die Meisten abstrampeln müssen und trotzdem kaum vom Fleck kommen, während andere sich entspannt zurücklehnen können, weil sie sowieso erben werden? Oder wollen wir, dass allen ähnliche Möglichkeiten offenstehen? Klar, Gesellschaften ändern sich nicht einfach über Nacht. Aber wenn wir darüber nachdenken, wie die Welt von morgen aussehen sollte, können wir viele kleine Schritte in diese Richtung gehen, vielleicht sogar ein paar große Sprünge machen, und kommen so der Ziellinie näher.

💡 Takeaways

  1. Wir leben in Zeiten enormer Vermögensungleichheit. Das hat viel damit zu tun, wie wir Vermögen und insbesondere Erbschaften besteuern.
  2. Die meisten Menschen würden von einer Umverteilung profitieren und es gibt sehr konkrete Ansätze, wie das Problem politisch angegangen werden könnte. Bisher ist jedoch noch nicht viel passiert.
  3. Die Ausgangsfrage beim Thema Erbschaft sollte immer sein, welche Gesellschaft wir für uns selbst und unsere Kinder gestalten wollen.

✒️ Über die Autorin

Rebecca Kelber hätte selbst zu den Superreichen gehören können, hätte ihr Urururopa Carl von Linde bloß keine Aktiengesellschaft gegründet. Er hat nämlich unter anderem den ersten marktfähigen Kühlschrank erfunden und den mit einem Unternehmen vermarktet, das bis heute im Dax zu finden ist. Hunderte Nachfahren und sechs Generationen später ist davon vor allem noch die Geschichte übrig.


  1. „Vermögensverteilung in Deutschland“, Bundeszentrale für politische Bildung, 14. Oktober 2020.
  2. Kira Baresel et al., „Hälfte alle Erbschaften und Schenkungen geht an die reichsten zehn Prozent aller Begünstigten“ in DIW Wochenbericht 5 / 2021, S. 63-71.
  3. Richard D. Wilkinson & Kate Pickett, The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do Better, Bloomsbury, 2009.
  4. Jens Beckert, „Neid oder soziale Ungerechtigkeit? Die gesellschaftliche Umkämpftheit der Erbschaftssteuer“, Bundeszentrale für politische Bildung, 2. Juni 2017.
  5. Marcel Fratzscher, „Das Glück der Wenigen“, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, 8. Februar 2021.
  6. James B. Davies et al., „Estimating the Level and Distribution of Global Household Wealth“, in WIDER Working Paper 77/2007.
  7. Fredrico Cingano, „Trends in Income Inequality and its Impact on Economic Growth“ in OECD Social, Employment and Migration Working Papers, 9. Dezember 2014.
Manchmal führt Co-Kreation zu etwas, was keine*r der Beteiligten alleine geschafft hätte.

Co-Kreation

So gelingt Co-Kreation in Organisationen

Immer mehr Teams versuchen, Probleme co-kreativ anzugehen. Doch was bedeutet Co-Kreation eigentlich? Und wie gelingt es, co-kreative Prozesse leichtfüßig zu organisieren?

Eine Person mit Gurken im Gesicht

Gesundheit

Reframing #selfcare: Wie wir das Konzept neu denken können

Was wir heute Selfcare nennen, sind häufig Selbstverständlichkeiten, die wir brauchen, damit es uns gut geht. Durch diese Verschiebung werden unsere grundlegenden Bedürfnisse zum vermarktbaren Produkt. Das ist ein Problem.

Beziehungen

Wie Konflikte Beziehungen stabilisieren können

Konflikte sind unangenehm. Häufig schlagen wir den vermeintlich einfachsten Weg ein, mit ihnen umzugehen: nämlich gar nicht. Dabei können Konflikte, wenn sie auf der Ebene von Bedürfnissen bearbeitet werden, für beide Seiten ein Gewinn sein.