Es ist okay

Es ist okay, sich einsam zu fühlen

Text: Lena Marbacher
Illustration: Elizabeth Pich

Kompetenz im Umgang mit Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Arbeitswelt. Egal, ob es die eigenen oder die der anderen sind. Trotzdem haben sie immer noch nicht in allen Organisationen Raum. Deshalb gibt es diese Kolumne. Diesmal geht es um das Gefühl, in einer hochkomplexen Arbeitswelt nicht mehr mit dem großen Ganzen verbunden zu sein.

Ich klicke von einer Direct Message bei LinkedIn, in der mir jemand zu mehr Erfolg verhelfen will, zu einer Story bei Instagram, die tote Demonstrant*innen in Kolumbien zeigt. Im selben Moment ploppt im Team-Messenger ein Post über den Launch unseres neuen Digitalprodukts auf. Und in fünf Minuten geht der Vortrag los, den ich vor einem digitalen Publikum halten werde. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass auf Twitter ein Shitstorm wegen eines Sexismus-Vorfalls in der Medienbranche wütet. Ich atme tief durch und klicke auf den Zoom-Link. Dreihundert Menschen warten, dass ich anfange zu sprechen. Ich fühle mich einsam.

Was Einsamkeit ist

30 Prozent der Deutschen fühlen sich mindestens manchmal einsam, 17 Prozent sogar häufig oder ständig. 1 Der US-amerikanische Arzt Vivek Murthy unterscheidet in seinem Buch Together 2 drei Arten von Einsamkeit: Die intime Einsamkeit beschreibt das Fehlen eine*r Partner*in oder eines*r engen Vertrauten. Soziale Einsamkeit ist der Mangel an Beziehungen zu Freund*innen. Kollektive Einsamkeit ist das Gefühl, keine Zugehörigkeit zur größeren Gemeinschaft zu haben.

Mein Gefühl kommt der kollektiven Einsamkeit am nächsten. Ich fühle mich wie eine Einzelne unter Vielen, der mitunter das Gefühl abhandenkommt, dazuzugehören. Obwohl ich mit mehr Menschen auf der Welt verbunden bin, als es früher je möglich war, weiß ich nicht, wie diese Welt zu begreifen ist und wo mein Platz in ihr ist.

Oft habe ich weder die Worte noch den Mut, jemandem davon zu erzählen. Denn obwohl ich Menschen um mich herum habe, denke ich häufig, dass sie meine Empfindungen nicht für valide halten: Ich bin doch in ein soziales Netz eingebunden, habe Freund*innen, tolle Kolleg*innen und keinen Grund zu klagen. Das stimmt. Aber dass ich hin und wieder einsam bin, stimmt auch.

New Work kann Einsamkeit fördern

Ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Bei meiner Arbeit mit New-Work-Unternehmen fallen mir immer wieder Punkte auf, die aus meiner Sicht dazu führen können, dass Menschen sich auch in neuen Arbeitswelten einsam fühlen. Macht Neue Arbeit einsam? Dazu ein paar Gedanken:

Benachrichtigungsflut in Team-Messengern

Digitalisierung ist nicht New Work. Aber neue Arbeitsweisen verlagern sich immer mehr ins Digitale. Wir organisieren uns in Trello-Karten, brainstormen auf virtuellen Whiteboards, begegnen uns in Video-Calls und schicken uns Nachrichten in Team-Messengern. Likes, kurze Reaktionszeiten und Kommentarfunktionen sind in Organisationen normal geworden. Tools wie Slack und Microsoft Teams nutzen die gleichen Mechanismen wie soziale Netzwerke: Durch Push-Nachrichten, Bewertungen und Kommentare wird die virtuelle Kommunikation am Laufen gehalten. Wer hat schon mal nachgezählt, ob der Post des Kollegen mehr Emojis bekommen hat als der eigene? Ich schon. Wer selten etwas schreibt, wird unsichtbar. Und die hohe Benachrichtigungs-Frequenz im Team-Messenger sorgt dafür, dass der Kontrast zum Feierabend besonders stark wird. Dann kann schon mal das Gefühl entstehen, dass sich von den wichtigen Leuten niemand für uns interessiert. Wir fühlen uns einsam.

Agiles Arbeiten

Viele verschiedene Rollen-Hüte können anstrengend sein.

Gerade agile Arbeitsumgebungen können Einsamkeit verstärken, schreibt Diana Kinnert in ihrem Buch Die neue Einsamkeit. 3 Basierend auf meinen Erfahrungen mit agilen Unternehmen kann ich ihr zustimmen. Ein Beispiel: Selbstorganisierte Unternehmen arbeiten mit flexiblen Rollen, statt starren Stellenbeschreibungen. Das bedeutet, dass es keine festen Positionen gibt, sondern viele kleinteilige Verantwortungsbereiche. Ich habe bei Neue Narrative derzeit 15 Rollen inne, unter anderem die Rollen Cover-Kanone, Illustrator*innen-Koordination, Autor*in, Audio-Produktion, Produktentwicklung, NN-Botschafter*in, Antidiskriminierung… In einem Redaktionsmeeting setze ich innerhalb einer Stunde viele verschiedene Rollen-Hüte auf und bringe aus den unterschiedlichen Perspektiven meine Spannungen ein.

Das ständige Rollen-Hopping braucht Übung. Manchmal weiß ich nicht genau, wer gerade gefragt wird: ich als Person oder eine meiner fünfzehn Rollen? Die vielen Rollen führen zwar zu Klarheit über Verantwortungsbereiche und Entscheidungsbefugnisse, aber auch dazu, dass es mir schwerfällt, einfach nur als Lena da zu sein.

Was New-Work-Unternehmen tun können

Ganz wichtig ist dabei: New Work macht nicht grundsätzlich einsam. Vielmehr können neue Arbeitsweisen das Gefühl von Einsamkeit verstärken, wenn wir sie unhinterfragt übernehmen und ihre Auswirkungen nicht im Blick behalten. Organisationen brauchen sichere Räume, um Gefühle wie Einsamkeit besprechbar zu machen. Formate wie ehrliche, kurze Check-in-Runden beim Beginn jedes Meetings können ein erster Schritt sein.

Was mir in Momenten der Einsamkeit am meisten hilft, ist die Gewissheit, dass ich damit nicht allein bin. Vielleicht sitzt mir genau hier, in der sechsunddreißigsten Videokonferenz diesen Monat, eine Person gegenüber, die sich genauso einsam fühlt wie ich. Deshalb sage ich dieses Mal beim Check-in, dass ich mich einsam fühle. Mein Herz klopft dabei und ich suche mit den Augen einen Punkt außerhalb des Bildschirms. Als ich wieder zurück in die Kamera schaue, sagt mein Gegenüber: „Ich mich auch.“ Es ist nur ein kurzer Moment, aber er trägt mich durch die ganze Woche.


  1. Dr. Susanne Bücker: „Einsamkeit – Erkennen, evaluieren und entschlossen entgegentreten“.
  2. Vivek Murthy: Together: The Healing Power of Human Connection in a Sometimes Lonely World (Harper Wave).
  3. Diana Kinnert: Die neue Einsamkeit (Hoffmann und Campe).
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