Sinn

Eine Handvoll mutige Menschen machen eine lebensdienliche Wirtschaft

Häufig glauben wir, dass sich erstmal alles andere ändern muss, bevor wir in unserem eigenen Vorgarten anfangen können, etwas zu ändern. Doch es geht auch genau anders herum!

Text: Simon Berkler
Illustration: Katja Gendikova

Menschen, die in ihrem eigenen Vorgarten anfangen, etwas zu verändern

Wir haben mit der neuzeitlichen Wirtschaft in den vergangenen gut hundert Jahren seit der ersten industriellen Revolution ein System erschaffen, das im Rückblick einen großen Beitrag zum Fortschritt unserer Gesellschaften geleistet hat. Langfristig gesehen gab es noch keinen effektiveren als diesen Marktmechanismus, um Austauschbeziehungen zu gestalten. Einerseits.

Andererseits beobachten wir bereits seit einer ganzen Weile, wie die einst süße Verheißung des Marktgeschehens sich in ein gefräßiges Raubtier verwandelt. Zunehmende Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, die eben gerade nicht durch den Markt reguliert werden, sondern sich durch die (finanz-)wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten drastisch verschärfen. Wirtschaftliches Vorankommen in den überprivilegierten auf dem Rücken der unterprivilegierten Gesellschaften. Eine Übertragung des ökonomischen Denkens auf andere Lebensbereiche wie Bildung oder Gesundheit, in denen die Ausrichtung auf Gewinn nur Fehlsteuerungen produzieren kann. Ein auf wirtschaftlichen Vorteil bedachter Umgang mit unserem Planeten und unseren Ökosystemen.

Nur mit dem Finger auf „das System“ zu zeigen, dessen Wandel einzufordern, ohne dabei auch liebevoll in den Spiegel des eigenen Verhaltens, der eigenen Haltung und des eigenen Bewusstseins zu schauen, wird für die notwendigen Veränderungen nicht reichen.

Gleichzeitig macht sich ein geradezu hypnotischer Effekt der Wirtschaft bemerkbar. Wir stehen vor „dem Markt“, spüren dringende Veränderungsnotwendigkeiten und fühlen uns einer Ohnmacht ausgeliefert, die häufig mit dem Gedanken beginnt: „Was kann ich als Einzelne*r schon tun, um in die Machtstrukturen der etablierten Systeme einzugreifen?“ Viele warten darauf, dass die Politik oder andere wirkmächtige Akteur*innen den Wandel anstoßen. Oder befinden sich bereits in einem Zustand der Resignation, da den derzeit Mächtigen unterstellt wird, dass sie kein Interesse an einer Umverteilung der Macht haben.

Selbstverständlich stellt sich in dieser Zeit die Frage nach übergreifendem, systemischem Wandel. Ganz bestimmt ist es hochgradig sinnvoll, nach den Akupunkturpunkten zu suchen, die einen systemischen Wandel anstoßen oder doch zumindest begünstigen. Und dabei haben natürlich nicht nur die wirtschaftlichen Akteur*innen, sondern auch die politischen Akteur*innen mit ihren Rahmensetzungen eine signifikante Verantwortung. Allerdings: Nur mit dem Finger auf „das System“ zu zeigen, dessen Wandel einzufordern, ohne dabei auch liebevoll in den Spiegel des eigenen Verhaltens, der eigenen Haltung und des eigenen Bewusstseins zu schauen, wird für die notwendigen Veränderungen nicht reichen. Aber fangen wir noch mal ganz von vorne an.

Als die Welt noch einfach war

Vor der industriellen Revolution waren wirtschaftliche Kreisläufe so geschlossen, dass jedes Verhalten relativ offensichtliche Folgen hatte. Wer mit seinen Ressourcen nicht verantwortungsvoll umgehen konnte, brachte die eigene Existenz in Gefahr. Arbeitsteilung war ein Fremdwort, das marktliche Handeln war durch persönliche Beziehungen geprägt. Der Markt war im Wesentlichen eine Plattform für Tauschgeschäfte mit dem Ziel der eigenen Lebenserhaltung.

Heute ist das anders: Massenproduktion und Arbeitsteilung haben uns weitgehend von unserer unmittelbaren Umwelt entkoppelt, durch Mobilität und digitale Vernetzung sind die Wirkkreise sind viel größer und unübersichtlicher geworden, sodass es oft keine direkt sichtbaren Konsequenzen unseres Verhaltens mehr gibt. Der Konsument optimiert nach dem Preis und fühlt sich nur begrenzt für das verantwortlich, was der Produzent tut. Der wiederum optimiert sich nach Profiten. Was der Konsument bezahlt, stellt der Produzent her. Kommt ein lokales Ökosystem zu Schaden, muss eben das nächste herhalten.

Die Wirtschaft überfrisst sich an sich selbst

Da unsere globalen Märkte diese Art von Verhalten nicht sanktionieren, wird Raubbau im großen Stil möglich, und niemand fühlt sich im Unrecht. Dabei wäre der Markt unter bestimmten Bedingungen sogar ein effizienter Koordinationsmechanismus, um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Dazu müsste er aber Ressourcenverbrauch und negative Auswirkungen auf Ökosysteme berücksichtigen. Nur ist es leider nicht so: Natürliche Ressourcen stehen quasi zum Nulltarif zur Verfügung, und in der Preisbildung werden negative Effekte auf globale und lokale Strukturen kaum berücksichtigt. Wäre das anders, könnte sich kaum jemand auch nur einen Kleinwagen leisten. Und niemand würde im Januar Tomaten aus Neuseeland kaufen.

Doch damit nicht genug: Durch die Entkopplung von Real- und Finanzwirtschaft sind zwischenzeitlich Geschäftsmodelle entstanden, die reiner ökonomischer Selbstzweck sind: finanzökonomische Systeme zweiten, dritten, x-ten Grades, Wetten auf Wetten von Wetten. Das ökonomische Handeln entfernt sich zusehends von der Idee des Mittels zum Zweck. Das Ziel des Geldverdienens ist nicht länger ein „gutes Leben“, sondern wir verdienen Geld, um damit mehr Geld zu verdienen.

Diese Art des Wirtschaftens hat einen weiteren Effekt: Gewinne werden überproportional im privaten Sektor angehäuft, während die Volkswirtschaften und damit das Gemeinwesen unter den ökonomischen Lasten zusammenbrechen. So ist es völlig unklar, wie die immensen nationalen Schuldenberge jemals wieder abgetragen werden sollen – während es gleichzeitig immer mehr Superreiche gibt, deren Vermögen quasi von selbst weiter anwächst.

Die Durchökonomisierung unserer Welt

Unser Wirtschaften hat sich nicht nur von lokalen Systemen entkoppelt. Das ökonomische Denken, das ursprünglich das marktliche Geschehen regulieren sollte, hat mittlerweile den Primat über (fast) sämtliche Lebensbereiche übernommen. Nicht nur Unternehmen steuern sich nach Profitabilität und Leistung, wir bauen das Bildungssystem nach ökonomischen Maßstäben, wir optimieren das Gesundheitssystem nach ökonomischem Gewinn. Selbst vor dem Privaten und Persönlichen machen die ökonomischen Grundfiguren nicht halt: Wir tracken die Qualität unseres Schlafes, wir messen unseren Selbstwert an der Menge an Social-Media-Likes. Unsere Zeit muss sinnvoll genutzt werden, und bei der Beurteilung, was sinnvoll oder nicht ist, spielt das Kosten-Nutzen-Verhältnis allzu oft eine Rolle.

Wir haben – in bester Absicht – ein System geschaffen, das immer noch Vorankommen und Fortschritt erzeugt, uns gleichzeitig aber unserer physischen und psychischen Lebensgrundlagen beraubt.

Der Siegeszug des ökonomischen Denkens liegt vermutlich zu einem großen Teil daran, dass es in Form des Geldes eine universelle Mess- und Vergleichbarkeit erlaubt und dass das Messbare und das Vergleichbare einen so großen Stellenwert in unseren derzeitigen Gesellschaftsformen besitzt. Es lässt sich leicht errechnen, dass Person A 2,7-mal mehr verdient als Person B oder dass Person C 3,8-mal mehr auf dem Bankkonto hat als Person D. Ob A deswegen 2,7-mal glücklicher oder ob C dadurch 3,8-mal zufriedener ist, lässt sich damit natürlich keinesfalls beantworten. Über die Zwischenräume des Lebens, die das Leben erst lebendig machen, lässt sich ökonomisch keine Aussage treffen. Im Gegenteil lässt sich sogar empirisch messbar (!) belegen, dass wirtschaftlicher Wohlstand nur begrenzt mit individuellem Glück und Zufriedenheit zu tun hat.

Die Fragen der Stunde sind laut und werden stündlich lauter: Wie kann eine hilfreiche Entwicklung des Wirtschaftssystems aussehen? Wie kann sie gelingen? Oder doch wenigstens beginnen?

Über Sinn und Unsinn der Wirtschaft

Wir haben – in bester Absicht – ein System geschaffen, das immer noch Vorankommen und Fortschritt erzeugt, uns gleichzeitig aber unserer physischen und psychischen Lebensgrundlagen beraubt. Selbst wenn wir das (noch) nicht am eigenen Leib erfahren, lassen sich die globalen Folgen nicht ausblenden. Auf individueller Ebene spüren wir, dass das alte System an seine Grenzen kommt und statt Lösungen immer häufiger Probleme produziert. Und trotzdem schaffen wir es auf kollektiver Ebene nur langsam, einen neuen Lösungsraum zu betreten.

Solaranlagen auf einer Wiese und ein Mann der sich um eine bessere Wirtschaft Gedanken macht

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Rettung kommt nicht von außen. Niemand wird uns zu Veränderungen zwingen. Natürlich wird die Politik Rahmensetzungen vornehmen, aber sie tut das in ihrem Tempo und im Rahmen starker Pfadabhängigkeiten. Zugleich ist das politische System selbst so stark verstrickt in wirtschaftliche Bezüge, dass ein ernstzunehmender Wandel weit entfernt scheint. Denn auch der „Erfolg“ des politischen Systems lässt sich dummerweise am einfachsten mit wirtschaftlich ausgerichteten Indikatoren wie dem Bruttoinlandsprodukt oder mit den auf Produktivität ausgerichteten Arbeitsmarktstatistiken messen. Dummerweise deshalb, weil damit häufig in sehr verkürzter Art und Weise versucht wird, den Fortschritt einer gesamten Gesellschaft zu dokumentieren. Ob all das reicht, bevor der mächtigste Akteur von allen – das Ökosystem, in dem wir leben – unsere Wahlfreiheit eingeschränkt haben wird, ist mehr als fraglich.

Der Wandel beginnt im Inneren

Es wird keinen Wandel des Wirtschaftssystems ohne einen Bewusstseinswandel geben. Einen Wandel, der bei uns selbst beginnt. Innen drin. Und da drinnen wird es plötzlich gleichzeitig deutlich leichter und deutlich schwieriger als auf der systemischen Ebene. Leichter, weil jede*r von uns einen eigenen Vorgarten hat, für den er oder sie selbst verantwortlich ist und den er oder sie so anlegen kann, wie er oder sie möchte. Gleichzeitig schwieriger, weil wir damit keine Entschuldigung mehr haben. Wir können nicht länger auf „die anderen“ oder „das System“ zeigen und Veränderung einfordern. Wir sind auf uns selbst, unser eigenes Handeln, unsere eigene Haltung und unser eigenes Bewusstsein zurückgeworfen.

Das beginnt mit sehr großen Fragestellungen: Worum genau geht es eigentlich in diesem Leben? Wenn ich weiß, dass ich diesen Planeten auf ökonomischer Ebene mit exakt so viel verlasse wie ich ihn betreten habe, könnte es dann sein, dass das Leben auch auf anderen Ebenen Antworten von mir erwartet? Wie definiere ich unternehmerischen Erfolg? Und was hat das mit „Lebenserfolg“ in einem umfassenderen Sinne zu tun? Solange unternehmerischer Erfolg im Großen und Ganzen an zwei Kennzahlen, nämlich Umsatz und Profit, festgemacht wird, ist es nicht verwunderlich, dass wir als Gesellschaft die vorliegenden Effekte hervorbringen. Wenn wir nur auf die ökonomischen Konsequenzen unseres Handelns achten, werden die Auswirkungen auf andere Bereiche des Lebens unwichtiger – ob wir wollen oder nicht.

Beispiel Markt: Der Markt, von dem wir manchmal so tun, als hätte er nichts mit uns zu tun, besteht aus den kumulierten Handlungen der Einzelnen (in der heutigen Zeit immer weniger Menschen und immer mehr Maschinen). Die Handlungen wiederum werden bestimmt durch die dahinter liegenden Motivationen und Intentionen (im Falle von Maschinen Algorithmen). Solange diese Motivationen und Algorithmen auf das Ziel „Steigerung des ökonomischen Gewinns“ programmiert sind und solange ökonomischer Gewinn als einzig vernünftige Handlungsoption angesehen wird, werden wir die Welt produzieren, die wir bereits kennen. Nur sollte man sich es dann nicht so leicht machen, diese Ergebnisse „dem System“ vorzuwerfen.

Vom Entweder-oder zum Sowohl-als-auch

Um es klar zu sagen: Es geht nicht um eine Abwertung des ökonomischen Erfolgs als solchem. Natürlich müssen privatwirtschaftliche Unternehmen (auch) ökonomisch erfolgreich sein, wenn sie länger als nur ein Jahr am Markt existieren wollen. Es geht darum, das Entweder-oder-Denken zu überwinden (entweder Kapitalist zu Lasten des sozial-ökologischen Gewissens oder Gutmenschentum zu Lasten des eigenen Bankkontos) und sich für Lösungen zu öffnen, die in einem Sowohl-als-auch-Raum entstehen: Wie könnte eine Wirtschaft aussehen, die ökonomisch erfolgreich ist, ohne damit anderen Menschen oder dem Planeten Schaden zuzufügen? Die beiden vielleicht sogar einen positiven Wertbeitrag stiftet?

Wir benötigen dafür eine Weltsicht, in der wir unser jeweils aktuelles, sehr konkretes Denken, Handeln und Fühlen in den Blick nehmen und gleichzeitig einen Blick von oben auf die Welt werfen können.

Wir haben es in der Hand, eine neue Wirtschaft zu gestalten. Allerdings sollten wir nicht darauf warten, dass es jemand anderes für uns tut. Was die Welt braucht, sind mutige und aufrichtige Menschen und Unternehmen, die vorangehen und zeigen, dass eine neue Wirtschaft möglich ist. Eine Wirtschaft, die menschliche Entwicklung ermöglicht, ohne sie auf dem Rücken der Ökosysteme auszutragen. Eine Wirtschaft, die die Interdependenzen – gerade in einer globalisierten und hoch vernetzten Welt – versteht und zur Grundlage ihres Handelns macht. Eine Wirtschaft, die die Lebensdienlichkeit in den Mittelpunkt stellt.

Wie es losgehen kann – und bereits losgeht

Die Lösungen dafür liegen nicht in einer Fortführung der Muster, die wir schon kennen. Wir benötigen dafür eine Weltsicht, in der wir unser jeweils aktuelles, sehr konkretes Denken, Handeln und Fühlen in den Blick nehmen und gleichzeitig einen Blick von oben auf die Welt werfen können. Erst wenn wir die gesamten Auswirkungen unseres Tuns wenigstens erahnen oder erspüren können, werden wir zu anderen Lösungen kommen.

Eine Frau die sich um die Umwelt kümmert für eine bessere Gemeinschaft

Die Zielkonflikte, die dadurch entstehen, sind natürlich nicht einfach aufzulösen. Aber es beginnt damit, diesen möglichen Dilemmata nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie sich bewusst anzuschauen. Für welches Unternehmen arbeite ich und was unterstütze ich damit in der Welt? Kann ich verantworten, welchen Impact mein Arbeitgeber auf globaler Ebene hat? Wie viel meines persönlichen Komforts bin ich bereit zu opfern für eine moralisch bessere Entscheidung? Was bedeutet es, ein bestimmtes Produkt zu kaufen? Welchen Einfluss habe ich damit auf Beschäftigungsbedingungen oder die Umwelt? Wie kann ich meinen persönlichen Nutzen mit dem Schaden abwägen, der anderswo entsteht?

Die gute Nachricht: Der Wandel hat bereits begonnen. Er ist noch frisch und jung, und er verläuft nicht linear. Aber im gleichen Maße, in dem die beschriebenen dysfunktionalen Entwicklungen zunehmen und sich teilweise verstärken, entstehen auch die Prototypen des Neuen. Etliche neue Unternehmen und Start-ups, die ihr wirtschaftliches Betriebssystem von vornherein umfassender definieren und auf mehr als ökonomischen Gewinn ausrichten. Etablierte Unternehmen, die beginnen, sich die Frage nach ihrer Existenzberechtigung jenseits von betriebswirtschaftlichen Ergebnissen zu stellen. Menschen in allen Arten von Unternehmen, die ihre jeweilige Verantwortung sehen und sich dieser stellen. Netzwerke, in denen die hier aufgeworfenen Fragen breit und laut diskutiert werden. Zusammenschlüsse von Gleichgesinnten, die darum ringen, eine lebensdienlichere Wirtschaft zu entwerfen.

Die eigene Verantwortung ernst nehmen

Für den*die ungeduldige*n und auf konkrete Fingerzeige bedachte*n Leser*in („Das ist ja alles schön und gut. Aber was heißt das denn nun konkret? Wo und wie fange ich an?“) ist dieser Artikel eine Zumutung. Die folgenden Hinweise mögen zur Besänftigung beitragen: Wie kann die Veränderung bei jedem*er Einzelnen beginnen? Was sind hilfreiche Randbedingungen?

1. Die eigene Wahrnehmung schulen

Versuche, die Welt nicht nur in den aktuellen persönlichen Herausforderungen, sondern auch in den größeren Bezügen zu sehen. Nimm Spannungen und Zielkonflikte wahr. Sieh ein, dass du niemals alles „richtig“ machen kannst, aber blende deswegen die negativen Auswirkungen deines Handelns nicht aus.

2. Den eigenen Verantwortungsvorgarten bestellen

Entwirf Prototypen für den eigenen Vorgarten deiner Verantwortung. Jede*r von uns hat diesen eigenen Verantwortungsvorgarten. Verantwortung für sich selbst und das eigene Leben, vielleicht für die eigene Familie, das eigene Team, das eigene Unternehmen. Wo sollen die Bäume stehen, wo sollen die Wege angelegt werden? Es ist dein Garten, den du dir so gestalten kannst, wie du es für richtig hältst. Teste deine Prototypen und teile deine Erkenntnisse und Erfahrungen mit anderen.

3. Communitys suchen und sich zusammenschließen

Apropos Erkenntnisse teilen: Beim Etablieren neuer Muster ist es immer hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden. Du bist nicht allein mit deinen Gedanken. Da draußen gibt es eine ganze Menge von anderen Menschen, die bereits in einer ähnlichen Richtung unterwegs sind. Bleib daher in Bewegung (ohne dich zu überfordern) und sprich mit anderen Menschen über das, was dich bewegt. Die Welt wird sich nur verändern, wenn sie weiß, was dir wichtig ist.

4. Offen bleiben dafür, dass alles ganz anders sein könnte

Die schlichteste und dennoch vielleicht wichtigste Idee für Veränderung: Nimm dich und das Leben ernst, aber nicht zu ernst.

Die Sache mit der kritischen Masse

Anlass zur Hoffnung oder zur Resignation? Ja, wir haben uns in einen ganz schönen Schlamassel hineinmanövriert. Und gleichzeitig: Ja, wir haben eine Chance, uns und unser wirtschaftliches Handeln von hier aus auf eine hilfreiche Art und Weise weiterzuentwickeln. Allerdings wird das nur gelingen, wenn wir unsere individuelle Verantwortung ernst nehmen und bei uns selbst beginnen.

Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen, um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.

Warum das gerade jetzt so wichtig ist? Weil die Stimme jede*r Einzelnen zählt, um neue Muster und neue Lösungsräume auf die Welt zu bringen. Die Antwort auf die oben gestellte Frage „Was kann ich als Einzelne*r schon tun, um in die Machtstrukturen der etablierten Systeme einzugreifen?“ lautet: verdammt viel! In seinem Buch Selbst Denken rechnet der Soziologe Harald Welzer vor, dass „drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen, um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.“ Die Diffusionstheorie des Kommunikationswissenschaftlers Everett Rogers stützt diese These. Er geht davon aus, dass eine Innovation zeitlich verzögert von der breiten Masse aufgenommen wird. Die Innovators, nur 2,5 Prozent der breiten Masse, machen den ersten Schritt, in dem sie eine Innovation für sich entdecken. Sie geben vor, was später Stück für Stück in andere Schichten diffundiert. Und am Ende die Mehrheit erreicht.

Drei Prozent, das sind gemessen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands gerade mal zweieinhalb Millionen Menschen. Zweieinhalb Millionen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Zweieinhalb Millionen Menschen, die die Kraft der Wirtschaft für das Positive nutzen, um ein System von innen so zu verändern, dass es wieder lebensdienlich für uns alle ist. Zweieinhalb Millionen Menschen, die erkennen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Einsichten und den Austausch mit anderen suchen, die in eine ähnliche Richtung denken. Wenn wir all diejenigen zusammenrechnen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben – angefangen bei den Leser*innen dieses Magazins – dürften so viele nicht mehr fehlen.

Wir haben es in der Hand. Und wir werden es nur gemeinsam schaffen. Fangen wir also an.

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