Purpose

Warum Selbstorganisation Eigentum mitdenken muss

Selbstorganisation muss Eigentum mitdenken. Viele Unternehmen sind zwar sinnorientiert, aber von Investoren abhängig, die vor allem Gewinne maximieren. Für Armin Steuernagel ist das ein Problem. Mit der Purpose Stiftung möchte er ein neues Bewusstsein für Eigentum schaffen.

Text: Sebastian Klein und Lennard Sangmeister Illustration: Lena Marbacher

Illustration: Lena Marbacher

Armin Steuernagel sagt von sich selbst, er sei ein Kapitalist. Der Unternehmer liebt die Idee des Privateigentums. Das heißt für ihn allerdings nicht, Besitztümer anzuhäufen, sondern als Unternehmer seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Immer mehr Organisationen wirken nach diesem Prinzip. In der Realität ist das aber nicht immer leicht: Denn viele sinnorientierte Firmen gehören nicht denen, die darin arbeiten, sondern fremden Aktionären.

Der 27-Jährige war schon früh vom Thema Eigentum fasziniert. Mit 16 gründete er den Waldorfshop, eine Onlineplattform für Holzspielzeug, Schulsachen und Kinderbekleidung. „Ich konnte das Unternehmen als 16-Jähriger jedoch nicht besitzen“, sagt Armin. Also zog der Minderjährige vor Gericht und erstritt sich die vorgezogene Volljährigkeit. Während seine Freunde die Zeit mit ihren Freundinnen verbrachten, baute Armin Unternehmen auf. Seine zweite Gründung war Mogli, eine Bio-Lebensmittelmarke für Kinder.

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Armin gründete seine Unternehmen nicht, um monetäre Gewinne zu erwirtschaften, sondern weil er ein Geschäft aufbauen wollte, das einen sinnvollen Beitrag für Mensch und Erde leistet. Überzeugt davon, mit gesunden und nachhaltigen Produkten die Welt zu verbessern, gingen er und seine Mitarbeiter morgens zur Arbeit.

Für sein Studium in Politik, Philosophie und Ökonomie zog sich Armin immer mehr aus dem operativen Geschäft seiner Unternehmungen zurück. Die Leitung übernahmen zunehmend seine Mitarbeiter. Sie waren es auch, die irgendwann auf ihn zukamen und fragten, wofür sie wirklich arbeiten: für den Sinn des Unternehmens oder für ihn als Eigentümer. An dem Punkt wurde Armin klar, dass etwas nicht stimmte. Er besaß eine Firma, in der er selbst kaum wirkte und nur noch abwesender Eigentümer war. „Ich fungierte nur noch als Unterschriftengeber“, sagt Armin.

Beim TEDx-Talk in Zürich geht der Unternehmer entschlossen auf die Bühne. Armin ist heute hier, um über sein Problem zu sprechen. Er tritt mit einer Sicherheit auf, die nur jemand besitzt, der die Lösung bereits kennt. Während er redet, erscheinen hinter ihm auf der Leinwand kindliche Illustrationen. Die Strichmännchen untermalen seine Geschichte. Wenn Armin von seinen Unternehmen spricht, benutzt er nämlich die Metapher eines Kindes: Unternehmen sind für ihn nicht bloß Sachen, sondern lebendige Organismen, die wachsen wollen. Wer ein solches Kind zur Welt bringt, so Armin, ist als Eigentümer auch automatisch ein Elternteil und somit verantwortlich für das Wohl des Kindes. Kommen Eigentümer ihrer elterlichen Verantwortung für ihre Firmen nicht nach, sondern spekulieren, „zerstört das die Wirtschaft, unsere Gesellschaft und vielleicht auch unseren Planeten.“

Dort treffen Manager Entscheidungen, die das Krankenhaus nie betreten haben und deren vorwiegender Job es ist, dafür zu sorgen, dass die Zahlen stimmen.

Warum der Schaden durch abwesende Fremd-Eigentümer alle betrifft, zeigt die Geschichte seines Vaters, die er an diesem Abend in Zürich erzählt. Sie beginnt in einem Krankenhaus, in dem Armins Vater Direktor ist. Der Sinn ist hier, allen Patienten eine angenehme und schnelle Genesung zu ermöglichen. Die Atmosphäre im Krankenhaus ist angenehm, die Mitarbeiter sind glücklich, mittags gibt es für alle Bio-Essen. Die Bedingungen sind also gut, und auch die erwirtschafteten Gewinne stimmen. Eigentlich gibt es nichts, weswegen es einer Veränderung bedarf. Doch dann wird das Krankenhaus verkauft. Und es bleibt nicht bei diesem einen Mal: Das Krankenhaus wird von Investor zu Investor durchgereicht, bis es nach dem vierten Besitzerwechsel Eigentum eines börsennotierten multinationalen Konzerns ist.

Da jeder Investor natürlich etwas verdienen will, steigt bei jedem Verkauf der Preis für das Krankenhaus und damit auch der Druck, höhere Gewinne zu generieren. Der Konzern zwingt die Klinik dazu, die Hälfte der Ärzte zu entlassen, Betreuungszeiten zu kürzen und das Essen an einen billigeren Anbieter auszulagern. In kürzester Zeit wird so aus dem erfolgreichen Krankenhaus eines mit unglücklichen Mitarbeitern und frustrierten Patienten. Der Konzern verwaltet insgesamt rund 70.000 Krankenhausbetten von Paris aus. Dort treffen Manager Entscheidungen, die das Krankenhaus nie betreten haben und deren vorwiegender Job es ist, dafür zu sorgen, dass die Zahlen stimmen. Schaffen sie das nicht, werden sie gefeuert.

Genau da liegt für Armin das Problem: Die Manager der Klinik verhalten sich nicht wie verantwortungsvolle Eigentümer, weil ihr Job reine Gewinnmaximierung verlangt. „Sie kontrollieren das Geschäft, sind aber nicht damit verbunden“, sagt er. Stattdessen werden sie von Anteilseignern und den Entwicklungen auf Aktienmärkten unter Druck gesetzt.

Das Krankenhaus ist nur eines von vielen Beispielen. Tag für Tag werden sinnorientierte Unternehmen von Konzernen aufgekauft, die ausschließlich darauf aus sind, ihre Gewinne zu maximieren. Sie verlieren ihre „Eigentümer-Eltern“ und sind von da an fremdbestimmt. Der Ökonom Thorstein Veblen prägte dafür den Begriff „Absentee Ownership“, womit er Eigentümer meint, die von ihrem Landbesitz profitieren, obwohl sie ihn weder bewohnen noch bewirtschaften.

Noch verworrener wird die Geschichte, wenn man sich anschaut, woher die Gelder stammen, die auf Aktienmärkten das Geschehen bestimmen. Armin hat sich auf die Suche gemacht und wurde überrascht: „Denn nicht nur die Reichen, die Superreichen oder die Konzerne investieren, sondern wir alle.“ Er bezieht sich auf eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die besagt, dass 87 Prozent der Kapitalanlagen auf Aktienmärkten von Pensionskassen und Versicherungsfirmen stammen. Deren Geld kommt von Personen mit einer Lebensversicherung oder einer Privatrente bei einem Fonds. Am Ende ist es also das Geld von Menschen mit privater Vorsorge, das den Kreislauf der Verantwortungslosigkeit am Leben hält.

„Nicht Blutsverwandtschaft, sondern Fähigkeit soll entscheiden, wer das Unternehmen führt“

Diesen Kreislauf will Armin aufbrechen. Deshalb hat er 2016 die Purpose Stiftung mitgegründet, ein Netzwerk aus Politikern, Unternehmern, Juristen, Bänkern, Philosophen und Psychologen, das sich zum Ziel gesetzt hat, durch ein Neudenken von Eigentum die Wirtschaft zu verändern. Die Stiftung ist überwiegend beratend tätig. Sie will Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen dabei helfen, ihren Sinn zu wahren. Das bedeutet einerseits, Gewinne nicht als Selbstzweck zu betrachten, und andererseits, die Kontrollrechte der Firma vor Spekulanten zu schützen.

Um das zu ermöglichen, musste die Purpose Stiftung kreativ werden. „Für Unternehmen, die sich selbst gehören, gibt es noch keine Rechtsform“, sagt Armin. Er hat sich mit Anwälten zusammengesetzt und mehrere Lösungen gefunden. Armin nennt sie „Ownership-Hacks“.

Ein Weg, damit Unternehmen sich selbst gehören, bietet die Überführung aller Firmenanteile in eine Stiftung. Die Idee ist zunächst einmal nicht neu: Bereits vor 130 Jahren entschied sich Zeiss-Mitbegründer Ernst Abbe nach dem Tod seines Geschäftspartners Carl Zeiss, alle Firmenanteile in eine Stiftung zu überführen. Er sah das Unternehmen als Werk der Mitarbeiter, nicht als das Werk des Besitzers. Mittlerweile haben es viele erfolgreiche Unternehmen Ernst Abbe gleichgetan und eigene Stiftungen ins Leben gerufen, darunter der Drogeriekonzern dm, Bio-Lebensmittel-Hersteller Alnatura, die Naturkostkelterei Voelkl und der Waschmittelhersteller Sonett. „Ownership-Hacks“ wie das Stiftungsmodell stellen sicher, dass Gewinne als „Saat für die Zukunft“ direkt in das Unternehmen fließen und die Eigentümerschaft nicht an profitorientierte Nachkömmlinge vererbt werden muss. „Nicht Blutsverwandtschaft, sondern Fähigkeit soll entscheiden, wer das Unternehmen führt“, sagt Armin. Dadurch ist die Geschäftsführung auch für Mitarbeiter offen, die den Sinn des Unternehmens teilen. Es entsteht ein Familienunternehmen 2.0.

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Die Purpose Stiftung erspart Unternehmen mit ihrem Angebot die Gründung einer eigenen Stiftung, die mitunter sehr kostspielig sein kann. Sie sorgt dafür, dass zwei Prinzipien sichergestellt werden:

Zunächst ist der Gewinn immer Mittel zum Zweck und Eigentümerschaft an Unternehmerschaft gekoppelt. Außerdem können Investoren nur Dividendenrechte erwerben, aber keine Stimmrechte — die bleiben bei denen, die wirklich mit dem Unternehmen verbunden sind: den Mitarbeitern oder der Geschäftsleitung. Die Firma ist dann kein Instrument mehr, um Geldgeber reich zu machen, sondern für ihre Mitarbeiter da.

Möchte ein Unternehmen mit Hilfe der Purpose Stiftung die Eigenständigkeit wahren, werden die zwei Regeln im Gesellschaftsvertrag aufgenommen. Um zu verhindern, dass die eigenen Unternehmer die Regeln aushebeln können, bedarf eine Änderung dieser Regeln hundertprozentiger Zustimmung. Ein Prozent der Stimmrechte gibt das Unternehmen, quasi als Vetorecht, an die Purpose Stiftung ab, die darüber hinaus aber keinen Einfluss hat. Die eigene Satzung verpflichtet die Purpose Stiftung dazu, immer ein Veto gegen eine Abschaffung der zwei Regeln einzulegen. So entsteht eine rechtliche Form, die das Privateigentum schützt. Jedes Unternehmen, das auf diese Weise sich selbst gehört, entsendet eine Vertretungsperson in die Stiftung.

Wenn es nach Armin und der Purpose Stiftung geht, dann gibt es in Zukunft immer mehr Unternehmen, die ihr Eigentum auf diese Weise sichern. Dadurch, so hofft er, ändert sich auch die Wirtschaft: weg von Gewinn als Selbstzweck, hin zu selbstbestimmten Unternehmen mit eigenmächtigen Mitarbeitern. Geld zu entmachten kann helfen, Menschen zu stärken. Mit dieser Botschaft will die Stiftung auch zukünftig Anleger für langfristige Investitionen begeistern. Angestellte ruft Armin dazu auf, sich gegen das selbst geschaffene System zu wehren, mit den Kollegen zusammenzutun und den abwesenden Eigentümern ein Angebot für ein Buy-out zu machen: „Nicht für Profit, sondern für den Purpose“, sagt Armin, der Kapitalist.