Geheimnisse

Zebra statt Einhorn: Wie Tomorrow mobiles Banking nachhaltig macht

Die Tomorrow Bank will mobiles Banking nachhaltig machen und mit ihrem Geschäft einen positiven Impact erzielen. Doch was bedeutet ein solches Versprechen für die eigenen Unternehmensstrukturen?

Text: Martin Wiens
Foto: Marcus Werner

Foto: Marcus Werner

Wer heutzutage jung ist und die Welt zu einer besseren machen möchte, wird vermutlich Politiker*in oder Wissenschaftler*in, möglicherweise startet er*sie auch ein Social Business. Ganz sicher aber gründet er*sie keine Bank. Das sieht auch Inas Nureldin so. Er sagt: „Die Banken haben sich nicht gescheut vor Skandalen, traditionelles Banking ist in Verruf geraten. Dass man Bänker ist, ist nichts, was man gern erzählt.“ Bänker ist er trotzdem geworden, zumindest etwas in der Art.

Das Gründungsteam der Tomorrow Bank

Tomorrow-Co-Founder Jakob Berndt, Inas Nureldin & Michael Schweikart (v.l.n.r.)

Inas ist einer der Gründer von Tomorrow, einer nachhaltigen Smartphone-Bank aus Hamburg, St. Pauli. Im Jahr 2017 ist er mit seinen Mitgründern Michael Schweikart und Jakob Berndt angetreten, die Bank von morgen zu entwickeln. Heute arbeiten 33 Personen bei dem Hamburger Fintech-Unternehmen, Tendenz steigend. Seit November 2018 hat Tomorrow ein Girokonto im Angebot, dazu eine klar designte App, die Transaktionen komfortabel und sichtbar macht. Auch wenn einige klassische Banken immer noch nicht so weit sind, so gibt es doch schon recht viele Konten mit nutzerfreundlichen Apps. Das ist es also nicht, wodurch sich das Start-up von anderen Angeboten unterscheidet.

Lili Staack

Was an Tomorrow aber besonders ist: Mit der App versuchen die Macher*innen, das Geld ihrer Nutzer*innen Geschichten erzählen zu lassen. Das heißt: Sie machen sichtbar und erlebbar, was mit dem Geld geschieht, wenn es erst mal auf ein Girokonto eingezahlt ist. Schließlich liegt das Geld da ja nicht nur rum. Inas erklärt das so: „Geld ist extrem anonym. Ich weiß nicht, was es tut. Es liegt einfach da und kommt aus dem Automaten raus.“ Und Lilli Staack, Communications-Managerin bei Tomorrow ergänzt: „Was das Geld macht, wenn es erst mal bei der Bank eingezahlt ist, wird häufig unter den Teppich gekehrt. Dabei wären viele wohl geschockt, was ihr Geld alles finanziert.“ Tatsächlich finanzieren traditionelle Banken häufig Geschäfte, die die Zukunft unseres Planeten eher gefährden als sie zu sichern, so investieren sie in Kohlekraftwerke oder sogar Waffenexporte.

„Was das Geld macht, wenn es erst mal bei der Bank eingezahlt ist, wird häufig unter den Teppich gekehrt.“

Was mit dem Geld passiert, wenn es auf dem Konto ist

„Viele Kunden wissen gar nicht, dass die Banken mit den Einlagen arbeiten. Wenn ich morgen an den Bankautomaten geh, kann ich schließlich mein Geld abheben“, sagt Inas. Die Einlagen sind das Geld der Nutzer*innen, das auf den Girokonten liegt. Durchschnittlich sind das bei Tomorrow knapp 1.000 Euro pro Konto, zu Beginn des Monats mehr als gegen Ende des Monats. Auch die Tomorrow Bank arbeitet mit dem Geld, investiert es aber ausschließlich in nachhaltige Projekte, aktuell in erneuerbare Energien und in einen Mikrofinanzfonds. Künftig sollen noch mehr Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit und nachhaltige Landwirtschaft dazukommen. Bei allen Investments gilt die Prämisse: „Unser Geld finanziert nichts Böses.“ In der App können die Nutzer*innen in Echtzeit sehen, was mit ihrem Geld passiert. Alles transparent also. So will das Start-up dem schwindenden Vertrauen in Bankinstitute begegnen.

Derzeit investiert die Bank noch wesentlich weniger Geld als sie eigentlich gerne würde, genauer: 150.000 Euro von den rund 12 Millionen Euro an Gesamteinlagen. Das liegt daran, dass es enorme regulatorische Anforderungen gibt, für die die junge Bank erst einmal die Strukturen schaffen muss. In den nächsten Wochen wollen sie den Investitionsbetrag verzehnfachen. „Perspektivisch würden wir gerne auf 50 Prozent der Einlagen kommen“, sagt Inas. Das restliche Geld wird ganz transparent bei der Deutschen Bundesbank „geparkt“, wie Inas es nennt.

Neben der Arbeit mit den Einlagen gibt es noch weitere Maßnahmen, mit denen sich Tomorrow von anderen Banken abheben will: Auch die Interchange Fee (deutsch: Interbankenentgelt) nutzt Tomorrow, um Gutes zu tun. Das funktioniert so: Zahlt der*die Nutzer*in in einem Geschäft mit der Kreditkarte, muss der Händler eine Gebühr von 0,2 Prozent des Transaktionswertes an den Zahlungsdienstleister, also in diesem Fall an Tomorrow, abgeben. Viele Banken verbuchen diese Gebühr als Einnahmen, Tomorrow nutzt sie dafür, ein Waldschutzprojekt in Brasilien zu finanzieren. Mit jeder Transaktion sieht der*die Nutzer*in in seinem persönlichen Impact-Board, wie viel Wald geschützt wurde und wie viel CO₂ damit gebunden wurde. Künftig sollen sich die Nutzer*innen zudem selbst aussuchen können, an welches Projekt die Gebühr geht.

„Es gibt nicht nur die Bösen, die Geld verdienen und die Guten, die den Ökoladen um die Ecke haben.“

Auch wenn die Zahlen stark ansteigen: So richtig viel Geld ist das aktuell noch nicht. Lilli rechnet vor, dass rund 1.500 Euro pro Monat in das Amazonasgebiet gehen. Sie erklärt, dass es dabei in erster Linie auch darum gehe, größere Zusammenhänge sichtbar zu machen: „Das ist eine Bewusstmachung für jede*n, die*der die Karte benutzt: Ich bezahle was und da passiert auf der anderen Seite was, da besteht ein Zusammenhang zwischen dem Klima der Welt, dem Planeten, der Gesellschaft und meinem persönlichen Konto“, sagt Lilli.

Da stellt sich natürlich eine Frage: Fördern solche Maßnahmen nicht das Konsumverhalten der Nutzer*innen? Im Sinne von: Je mehr T-Shirts ich mir bei H&M kaufe, desto mehr Gutes bewirke ich?

Das Büro des Tomorrow Bank Teams

Bei dieser Frage lachen Inas und Lilli, es ist ihnen anzumerken, dass sie über dieses Thema schon häufig diskutiert haben. Tatsächlich wollen sie noch 2019 eine Funktion in ihrer App anbieten, mit der User*innen auf Basis ihrer Ausgabenhistorie und wenigen Fragen, die sie beantworten, ihre persönliche CO₂-Bilanz berechnen können. Hier gilt natürlich: Je mehr die Nutzer*innen ausgeben, desto höher wird in der Regel ihre persönliche CO₂-Bilanz sein. Die Nutzer*innen sollen ihren Abdruck dann bestmöglich reduzieren, zudem können sie ihn direkt über die App kompensieren. „Wir wollen incentivieren, wenn Personen ihren Konsum insgesamt minimieren und den Konsum, den sie tätigen, möglichst nachhaltig gestalten“, sagt Inas. Lilli ergänzt: „Wir wollen das Thema Banking ein Stück weit in den Lifestyle rein holen und als Bank Begleiter sein.“

Genau wie die persönliche CO₂-Bilanz ist auch der vierte Baustein, der Tomorrow künftig auszeichnen soll, noch nicht gelauncht. Ab Januar 2020 will das Team seinen Nutzer*innen über die App die Möglichkeit geben, Geld sinnvoll anzulegen. Das ist vor allem deshalb interessant, weil es sich dann um größere Beträge handeln wird.

Dafür erstellt Tomorrow gerade zusammen mit der Universität Hamburg und mit Nachhaltigkeitsratingagenturen ein Portfolio von Unternehmen, die ihren Nachhaltigkeitsansprüchen entsprechen. Die Agenturen analysieren Unternehmen, rufen an, schauen hinter die Kulissen, durchforsten Medienberichte und versuchen so herauszufinden, ob die Unternehmen tendenziell einen positiven oder negativen Beitrag zu den Themen Ökologie, Soziales und Ethik leisten. Außerdem prüfen sie die Geschäftsmodelle der Unternehmen anhand der Sustainable Development Goals, den 17 von den Vereinten Nationen formulierten Nachhaltigkeitszielen. Das ist viel manuelle Arbeit. Viele Unternehmen leisten zwar gute Arbeit in ihrer CSR-Strategie, haben aber ein Geschäftsmodell, das dem Gemeinwohl nicht zuträglich ist. Lilli bringt es auf den Punkt: „Die haben dann ein total diverses Management-Board, benutzen nur Ökostrom und auf dem Werksgelände fahren nur E-Autos, aber eigentlich stellen sie Streubomben her.“ In solche Unternehmen sollen die Nutzer*innen von Tomorrow ihr Geld natürlich nicht investieren.

Gerade steht eine erste Shortlist mit den 240 nachhaltigsten Unternehmen, die sie identifiziert haben. Von denen werden nun 50 bis 100 Unternehmen herausgefiltert, die mit Blick auf Profitabilitäts- und Risikoaspekte am vielversprechendsten sind. Ein Unternehmen auf der Liste ist beispielsweise Steico, eine Unternehmensgruppe für Bauprodukte und Dämmstoffe mit Sitz in Feldkirchen bei München. Der Baustoff-Spezialist setzt ausschließlich auf nachhaltige Produkte aus umweltgerecht genutzten Ressourcen.

Wie gut passt das Innen zum Außen?

Tomorrow selbst steht nicht auf der eigenen Liste. Dennoch wäre es interessant, wie gut die Smartphone-Bank in ihrem eigenen Ranking abschneiden würde. Denn wer längerfristig ein gutes, nachhaltiges Produkt anbieten möchte, sollte auch innerhalb der eigenen Organisation Strukturen schaffen, die sicherstellen, dass Nachhaltigkeit gelebt wird. Die Art der Zusammenarbeit beeinflusst langfristig auch das Produkt. Das vergessen viele Start-ups, der Fokus liegt häufig stärker auf dem „Was“ als auf dem „Wie“.

Auch Tomorrow weiß, dass im eigenen Unternehmen noch Verbesserungsbedarf besteht. Als Technologieunternehmen ist die Smartphone-Bank mit einer sehr hohen Männerquote gestartet, mittlerweile ist es etwas ausgeglichener: 60 Prozent der Mitarbeiter*innen sind männlich, 40 Prozent weiblich. Im August 2019 wurde die erste Tech-Position mit einer Frau besetzt, Tomorrow hat jetzt eine Product Ownerin.

In einer Organisation, die nach außen hin immer wieder fordert, mehr über Geld zu sprechen, liegt die Frage nahe, wie transparent intern mit Finanzen und Gehältern umgegangen wird. Tomorrow veranstaltete dazu bereits einen großen Workshop mit allen Mitarbeiter*innen, um die individuellen Bedürfnisse besser zu verstehen. Aktuell finden also vor allem Gespräche statt, im nächsten Schritt sollen dann auch entsprechende Strukturen entstehen.

Die Zukunft gehört den Zebras!

Dass nicht ständig Zeit dafür ist, darüber nachzudenken, wie man im Inneren zusammenarbeiten will, liegt unter anderem daran, dass Tomorrow sich in einem enorm wachstumsgetriebenen Umfeld mit aggressiven Wettbewerbern wie der mobilen Bank N26 aus Berlin bewegt. Um längerfristig erfolgreich zu sein, muss das Start-up stark wachsen und möglichst viele Nutzer*innen vom eigenen Produkt überzeugen. „Wenn man Banking nachhaltig machen möchte, man aber nur 200.000 Kunden von 19 Millionen Girokonten in Deutschland hat, dann ist das noch nicht genug“, sagt Inas. Derzeit hat Tomorrow rund 14.000 aktive Nutzer*innen. Um wachsen zu können, sammelt das Start-up Geld von externen Investor*innen. Bisher sind 2 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen, Geldgeber sind unter anderem Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Pionier für erneuerbare Energien und Georg Kaiser, Gründer der Bio Company.

Die Tomorrow Bank App

Es geht aktuell bei Tomorrow also um Größe und Wachstum und, ja, auch darum, sich gegen andere Wettbewerber durchzusetzen. Aber eben nicht um jeden Preis: Vor Kurzem hat sich Inas mit Venture-Capital-Investor*innen getroffen, die das Geschäftsmodell der Tomorrow Bank spannend fanden und auch die Nachhaltigkeitsvision unterstützen wollen. Als es darum ging, wer künftig die Entscheidungen trifft, forderten die Investor*innen so viele Stimmrechte, dass die Gründer*innen nicht mehr eigenständig entscheiden könnten. Inas und seine Kolleg*innen lehnten sofort ab.

Die Tomorrow Bank will schließlich eine Antithese zu all den Unicorn-Start-ups bilden, bei denen es in erster Linie darum geht, die Bewertung von einer Milliarde US-Dollar zu knacken. Denn natürlich kommt das rasante, fiktive Wachstum der Einhörner nicht aus dem Nichts, sondern beruht immer auf einem Verbrauch von Ressourcen. In dieser Weltsicht gibt es nur ganz wenige Gewinner*innen, beispielsweise diejenigen, die so glücklich sind und Anteile an dem Unternehmen haben und ganz, ganz viele Verlierer*innen. Die Gründerinnen Jennifer Brandel, Mara Zepeda, Astrid Scholz und Aniyia Williams haben im Jahr 2017 das Zebra als Gegenentwurf zum Einhorn eingeführt. „Was macht Zebras aus? Sie sind echt, sie tanzen nicht auf Regenbögen, sondern lösen ein echtes Problem in der Welt“, erklärt Lilli. Zebra-Start-ups sind auf nachhaltigen Wohlstand aus, nicht auf einen schnellen Exit. Sie setzen auf Win-win-Denken und Kooperation. Und: Sie sind sowohl schwarz als auch weiß, vereinen also Profit und Gemeinnützigkeit. Lilli fasst das so zusammen: „Es gibt nicht nur die Bösen, die Geld verdienen und die Guten, die den Ökoladen um die Ecke haben.“

Zum Weiterdenken

  • Weißt du, welche Geschäfte die Bank, bei der du dein Geld liegen hast, mit deinen Einlagen finanziert? Wenn nicht, versuche es herauszufinden.
  • Sollten Start-ups in sehr frühen Phasen schon darüber nachdenken, wie sie zusammenarbeiten oder erst mal alle Aufmerksamkeit auf ihr Geschäftsmodell lenken?
  • Zebra-Start-ups sind nicht auf einen schnellen Exit aus, stattdessen vereinen sie Profit und Gemeinnützigkeit. Was denkst du, lassen sich die beiden Zielrichtungen überhaupt sinnvoll vereinen?

Dieser Artikel kommt aus unserer Transparenz-Ausgabe, die im November 2019 erschienen ist. Hier erfährst du mehr über das Magazin.

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