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Das Tetralemma

Das Tetralemma ist eine Aufstellungsübung, die dir dabei hilft, in unübersichtlichen Situationen gute Entscheidungen zu treffen. Wir erklären das Tool am Beispiel des Klimadilemmas.

Das Tetralemma, ein Tool um besser Entscheidungen zu treffen

Personenzahl: mindestens 2 | Zeit: 30-60 Minuten | Material: Papier und Stifte, Karten

Eines der größten Dilemmata, in dem wir uns tagtäglich befinden, ist unser individueller Umgang mit dem Klimawandel. Jeden Tag treffen wir ganz konkrete Entscheidungen, die einen Unterschied machen: Bioladen oder Discounter? Fast Fashion oder nachhaltige Mode? Bahn oder Flugreise? Auto oder Fahrrad? Ein Dilemma liegt dann vor, wenn verschiedene Interessen (Klimaschutz, persönlicher Komfort, …) sich entgegenstehen und sich unsere Entscheidungen daher unbefriedigend anfühlen.

Ein Tool, das in solchen Situationen helfen kann, ist das Tetralemma. Es wird in systemischen Strukturaufstellungen genutzt, um Dilemmata aufzulösen und bessere Entscheidungen zu treffen. Die Methode ist ein von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd entwickeltes Schema aus der indischen Logik und dem indischen Rechtswesen. Richter*innen nutzten das Tetralemma in ihrer Rechtsprechung, um gerechte Entscheidungen treffen zu können.

Das Dilemma

Wir erarbeiten uns dieses Tool anhand eines Beispiels, das jede*r von uns kennt. Das Dilemma sich entweder bei jeder Entscheidung so klimafreundlich wie nur möglich zu verhalten (bei der Kleidung, der Mobilität, Nahrungsmitteln, dem Stromversorger, der Bank usw.) oder den Klimawandel einfach zu ignorieren und nicht in Entscheidungen einzubeziehen. Im Klartext: den persönlichen Komfort höher zu gewichten als Klimafreundlichkeit. Anhand dieses Dilemmas bewegst du dich jetzt durch die Tetralemma-Aufstellung.

Setting

Das logische Schema des Tetralemmas arbeitet mit vier verschiedenen Perspektiven, die eine Person nacheinander durchdenkt und nachempfindet. Ein Dilemma bietet dem Namen nach immer zwei Entscheidungsmöglichkeiten: „das Eine“ und „das Andere“. In unserem Beispiel entspricht „das Eine“ radikal klimafreundlichem Verhalten und „das Andere“ dem Ignorieren des Klimawandels. Im Tetralemma sind „das Eine“ und „das Andere“ die ersten beiden Perspektiven. Neben diesen beiden gibt es noch zwei weitere, nämlich die Perspektiven „Beides“ und „keines von Beidem“. In unserem Beispiel also: „Radikal klimafreundliches Verhalten“ und „Ignorieren des Klimawandels“ und weder „Radikal klimafreundliches Verhalten“ noch „Ignorieren des Klimawandels“. Auch wenn dir das unvereinbar erscheint, nimm es erst mal so hin und schreibe die Begriffe gut lesbar auf Karten. Die Tetralemma-Aufstellung führt nun noch eine fünfte Position ein: „Das alles nicht“. Diese fünfte Position bildet die Alternative zu allen Alternativen. Schreibe auch für diese Perspektive eine Karte und lege sie wie auf der Abbildung auf den Boden.

Übersicht über das Tetralemma Tool

Rollen und Teilnehmende

Für die Tetralemma-Aufstellung brauchst du nun neben dir (der Person in der Dilemma-Situation) noch eine weitere Person, die dich durch die Aufstellung begleitet und dokumentiert, was du sagst. Du nimmst dabei eine möglichst offene Haltung ein. Du solltest bereit sein, dich auf die verschiedenen Perspektiven einzulassen, um in dich hinein zu spüren und deine eigenen Reaktionen wahrnehmen zu können, während du die Perspektiven nacheinander abläufst. Alles, was dir auf den Positionen durch den Kopf geht, alles, was du spürst, sprichst du laut aus, ohne Selbstzensur und Reflexion. Die Rolle der Begleitung notiert alle Äußerungen. Entsprechend ist es die Aufgabe der Begleitung, genau zuzuhören und alles festzuhalten, was sie hört, ohne eigene Gedanken und Interpretationen einfließen zu lassen. Während der Aufstellung achtet die Begleitperson darauf, außerhalb der angeordneten Karten zu bleiben, aber in der Nähe und hinter dir.

Ablauf der Aufstellung

A. Das Eine: „Radikal klimafreundliches Verhalten“

Deine Begleitperson führt dich zur ersten Karte. Sie fragt dich:

  • Versetze dich voll in diese Position, verbinde dich mit einer typischen Situation, die diese Position für dich am besten beschreibt.
  • Wie fühlt es sich an … was spürst du, hörst du, schmeckst du, riechst du? Beschreibe deine (Körper)empfindungen, Sinneswahrnehmungen, deine Gefühle, Gedanken, Impulse.

Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst und fügt nichts hinzu.

Beispiel für diese Perspektive in der Aufstellung: Die Situation, die diese Perspektive am besten beschreibt, ist für dich die Entscheidung, nur noch mit dem Rad zu fahren, egal ob in der Stadt, bei beruflichen oder privaten Reisen. Du denkst dabei an Entschleunigung, viel Bewegung, zufällige Begegnungen mit netten Menschen und das gute Gefühl, radikal zu sein. Gleichzeitig geht dir durch den Kopf, was das in aller Konsequenz bedeutet.

B. Das Andere: „Ignorieren des Klimawandels“

Deine Begleitperson führt dich zur zweiten Karte. Sie fragt dich:

  • Versetze dich voll in diese Position, verbinde dich mit einer typischen Situation, die diese Position für dich am besten beschreibt.
  • Wie fühlt es sich an … was spürst du, hörst du, schmeckst du, riechst du? Beschreibe deine (Körper)empfindungen, Sinneswahrnehmungen, deine Gefühle, Gedanken, Impulse.
  • Wenn du diese Position komplett verstärken würdest, wer wärest du dann?

Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst und fügt nichts hinzu.

Beispiel für diese Perspektive in der Aufstellung: Die Situation, an die du denkst, ist denkbar einfach, dein Leben wird auf einen Schlag leichter, weil du bei keinem Einkauf, bei keiner Reise oder der Wahl deiner Bank auf Klimafreundlichkeit achten musst. Du denkst an spontane Kurztrips übers Wochenende nach Madrid, die steigenden Aktien eines Automobilkonzerns und dir jedes Quartal neue Kleidung zuzulegen, die gerade im Trend ist. Du fühlst dich ein bisschen rebellisch, aber gleichzeitig ist dir bewusst, dass dein Verhalten Folgen für das Klima und den Rest der Welt hat.

A + B. Beides: „Radikal klimafreundliches Verhalten“ und „Ignorieren des Klimawandels“

Deine Begleitperson führt dich zur dritten Karte. Sie fragt dich:

  • Dies ist die Position „Beides“. Versetze dich voll in diese Position, verbinde dich mit ihr. Denke nicht nach, beschreibe einfach, was passiert …?
  • Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst und fügt nichts hinzu.

Beispiel für diese Perspektive in der Aufstellung: Du denkst an Situationen in deinem Leben, in denen du beide Perspektiven miteinander kombinieren kannst. Beispielsweise zwar weiterhin zu reisen, aber innerhalb Deutschlands nur mit der Bahn zu fahren und internationale Reisen zu reduzieren. Es fühlt sich erleichternd an, auf keines von beidem verzichten zu müssen.

Keines von Beiden: Weder „Radikal klimafreundliches Verhalten“ noch „Ignorieren des Klimawandels“

Deine Begleitperson führt dich zur vierten Karte. Sie fragt dich:

  • Dies ist die Position „Keins von beiden“. Versetze dich voll in diese Position, verbinde dich mit ihr. Denke nicht nach, beschreibe einfach, was passiert … ?

Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst und fügt nichts hinzu.

Beispiel für diese Perspektive in der Aufstellung: Du versetzt dich in diese Perspektive und bemerkst, dass noch mehr Kompromisse möglich sind. Du könntest deine Kleidung in Zukunft hauptsächlich Second Hand kaufen. Damit ist sie zwar ursprünglich von Fast-Fashion-Herstellern, aber ihr Lebenszyklus wird verlängert. Diese Position fühlt sich etwas weniger einschränkend an für dich als die Perspektive „Beides“, aber vielleicht auch weniger wirkungsvoll.

Das alles nicht

Deine Begleitperson führt dich zur fünften Karte Sie fragt dich:

  • Dies ist die Position „Das alles nicht“ – was immer es ist, alles ist möglich! Was kannst du wahrnehmen?

Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst und fügt nichts hinzu.

Beispiel für diese Perspektive in der Aufstellung: Was könnte das sein? Du kommst auf die Idee, dass all deine Bemühungen und Kompromisse sich in Luft auflösen, wenn du aufs Land ziehst. Automatisch würdest du dort weniger Sehnsucht nach fernen Reisen haben, du würdest statt im Supermarkt auf dem Biobauernhof nebenan einkaufen und weniger Anlässe haben, um neue Klamotten anzuziehen. Die Verlagerung deines Lebensmittelpunktes aufs Land würde zwangsläufig deinen negativen Einfluss auf das Klima verringern. Diese Perspektive fühlt sich wie ein Augenöffner an und erscheint dir spontan eine tolle Möglichkeit zu sein. Du bist freudig aufgeregt und dein Bauch kribbelt bei dem Gedanken.

Auswertung

Die Auswertung des Tetralemmas

Setzt euch jetzt zu zweit zusammen und wertet die Aufstellung aus. Nehmt euch dafür 20 Minuten Zeit. Deine Begleitperson hilft dir durch Wiederholung dessen, was sie in der Aufstellung notiert hat, die Positionen und Empfindungen zu reflektieren, ohne eigene Interpretationen einfließen zu lassen. Deine Begleitperson fragt dich: Bei welcher Perspektive hast du am meisten Lösungspotenzial gespürt? Wenn dir das schwerfällt zu sagen, kannst du noch mal zu der Karte gehen und die Perspektive einnehmen, bei der du am meisten Energie gespürt hast.

Deine Begleitperson stellt dir drei Fragen dazu:

  1. Wenn du aus dieser Perspektive selbst zu dir sprichst, welche wohlmeinende Botschaft würdest du dir selbst mitgeben?
  2. Welche konkreten Ideen hast du für deinen Alltag, um immer wieder diese Perspektive einnehmen zu können?
  3. Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich daraus für dich?

In unserem Beispiel könnten deine Antworten auf diese drei Fragen wie folgt lauten:

Du stellst dich auf die Position „Das alles nicht“ und sagst zu dir:

  1. Du kannst einfach loslassen und anstatt zu versuchen, dich zu ändern, die Umstände ändern und dadurch dein Verhalten.
  2. Denke nicht immer nur in zwei Wegen. Nimm Distanz zum Problem ein, stelle den Kontext infrage und denke vom Ende her.
  3. Du sehnst dich eigentlich schon lange nach mehr Ruhe und Natur. Deshalb bist du so oft verreist. Die Idee, auf dem Land zu leben, scheint dir plötzlich vollkommen plausibel und du fängst an, nach Wohngemeinschaften auf dem Land zu suchen.

Deine Begleitung schreibt alles mit, was du sagst, fügt nichts hinzu und übergibt dir die Notizen. Danach reflektiert ihr noch mal gemeinsam, wie ihr die Übung jeweils erlebt habt.

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