Wirksamkeit

Können wirklich alle alles erreichen, Amani Abuzahra?

Die Autorin und Philosophin Amani Abuzahra erklärt, warum wir bei den Erzählungen anfangen müssen, wenn wir wirklich Chancengleichheit wollen.

Interview: Lena Marbacher

Ein Interview mit der Philosophin Amani Abuzahra

Wie kommt es, dass so viele Menschen behaupten, dass wirklich alle alles schaffen können?

Das ist eine Sichtweise von Privilegierten für Privilegierte. Sie lässt gewisse Realitäten und Umstände außer Acht, für die einzelne Individuen zwar nichts können, die andere aber auf struktureller und institutioneller Ebene diskriminieren und einschränken.

Was für Umstände sind das?

Wenn man nicht von Rassismus, Sexismus und Diskriminierung betroffen ist, und sich damit nicht bewusst beschäftigt, dann sieht man auch nicht, dass eben nicht alle alles schaffen können. Das kann zu der gefährlichen Schlussfolgerung führen, dass die anderen selbst schuld sind, wenn sie nicht wirksam werden und sich nicht verwirklichen konnten. Aus dieser Perspektive scheitert allein das Individuum. Und das ist ein sehr privilegierter Zugang zu Selbstwirksamkeit.

Was wäre ein konkretes Beispiel dazu?

Nehmen wir an, eine Frau studiert, macht nebenbei Praktika und ist top ausgebildet, aber ihr wird der Job verwehrt, weil sie ein Kopftuch trägt.In manchen Ländern und für einige Berufe gibt es ein gesetzlich erlassenes Kopftuchverbot. Darüber hinaus gibt es Studien¹, die belegen, wie die Reaktionen auf Frauen in Bewerbungssituationen sind, wenn sie sich ohne Tuch bewerben, wenn sie ein Tuch als Turban tragen, aber der Hals frei bleibt oder wenn Kopf und Hals von einem Tuch bedeckt werden. Die Selbstentfaltung auf professioneller Ebene wird hier enorm eingeschränkt durch Diskriminierung und der muslimischen Zugehörigkeit, weil die Frauen sichtbar als Musliminnen wahrgenommen werden. Der Satz „Die Welt steht dir offen“ trifft auf diese Frauen nicht zu.

„Was bedeutet das, wenn ich mich selbst in diesen Geschichten nicht wiederfinde? Und wenn schon, dann in einer bösen oder eingeschränkten Rolle?“

Gilt das nur für den Beruf?

Auch außerhalb des Berufs sind der Selbstverwirklichung deutliche Grenzen gesetzt. Die Wohnungssuche ist für jede*n von uns von den eigenen finanziellen Ressourcen abhängig. Menschen, die als die Fremden markiert werden, passiert es durchaus regelmäßig, dass sie eine Immobilie nicht bekommen, weil ihr Name von dem*der Vermieter*in als fremd wahrgenommen wird. In Österreich gab es zum Beispiel Wohnungsinserate, in denen explizit geschrieben stand: „Für echte Österreicher“. Und auch in Deutschland gibt es Rassismus im Wohnungsmarkt. Als fremd markierte Menschen können sie sich nicht einfach einen Wohnort aussuchen, an dem sie sein möchten, um sich zu entfalten.

Was macht es mit Menschen, wenn ihnen ihr Leben langerzählt wird, dass sie eigentlich alles schaffen können müssten?

Selbstwirksamkeit beginnt von klein auf, wenn wir uns in verschiedenen Rollen wahrnehmen und erleben. Die Geschichten, die wir hören, spielen dabei eine große Rolle und sind sehr wichtig für die Identifikation. Die Held*innen der Geschichten dienen uns als Identifikationspersonen, sie machen uns Mut und helfen uns, Hindernisse zu überwinden. Marginalisierte Gruppen sind aber unterrepräsentiert in diesen Geschichten. Dort gibt es selten einen Sikh mit Turban, eine Frau mit Kopftuch oder einen Menschen mit Behinderung. Was bedeutet das, wenn ich mich selbst in diesen Geschichten nicht wiederfinde? Und wenn schon, dann in einer bösen oder eingeschränkten Rolle?

Eine Studie² belegt, dass das, was wir oft sehen, lesen und wahrnehmen, Teil unserer Erinnerung und Erfahrung wird. Marginalisierte lesen und hören immer wieder Dinge über sich, die sie selbst als eingeschränkt darstellen. Die Selbstwirksamkeit wird auf dieser Ebene dann bereits reduziert, weil man sich selbst dann teilweise so wahrnimmt, wie es einem all die Geschichten erzählen wollen.

Wozu führt das?

Im schlimmsten Fall schließen Menschen daraus, dass sie nicht zu dieser Welt oder Gesellschaft gehören und in ihr nicht wirken können. Als Gesellschaft können wir es uns gar nicht leisten, dass Menschen so ein negatives Fremdbild für sich verinnerlichen. Es braucht Kraft und sehr viele Gegennarrative, um sich von diesen Erzählungen freizumachen und sich anders wahrzunehmen.

Wie ist das für dich? In welchen Erzählungen findest du dich wieder?

In einer Studie vom IMAS Institut haben Menschen Angaben darüber gemacht, dass sie keine Schwarzen, keine Araber und Musliminnen als Nachbarn haben wollen. Ich finde mich dort in einer Negativerzählung wieder. In diversen Kontexten wird erwartet, dass ich mich zu solchen Äußerungen positioniere und widerspreche. Auf Lesungen, Podiumsdiskussionen oder in Workshops werde ich mit Fragen nach meinem Kopftuch häufig darauf reduziert, Muslimin zu sein, obwohl das nichts mit dem Anlass meiner Anwesenheit zu tun hat. Wenn dann von meinem Sprechen nur noch ein Widersprechen bleibt, wo bleibt dann eigentlich mein Inhalt? Wo bleiben meine Themen und meine Expertise?

Du hast eben Gegennarrative gefordert. Wie wichtig sind solche Erzählungen für eine Gesellschaft?

Sehr wichtig. Die immer wiederkehrenden Erzählungen – Märchen, Sagen, Überlieferungen, Lieder – bilden das Fundament einer kulturellen Identität. Diese Erzählungen dienen im Wesentlichen dazu, ein kollektives Gedächtnis zu bilden.

Wenn man darüber nachdenkt, was das Wir eigentlich ausmacht, merkt man, dass nationale Erzählungen oft über die Abgrenzung oder das Ausschließen des anderen funktionieren. In diesem Kontext können Rassismen sehr gut greifen und wirkmächtig werden. Der Wissenschaftler Samuel Huntington hat in seinem Buch Kampf der Kulturen geschrieben, dass wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind. Damit beschreibt er eine Negativ-Identität durch Abgrenzung. Wenn man diese Negativ-Schablone von „was wir nicht sind“ abzieht, dann bleibt die Frage: „Wer sind wir dann eigentlich?“ Das heißt aber umgekehrt auch, dass darin viele Chancen für Veränderung stecken.

Du meinst, weil Narrative überschrieben werden können?

Ja. Das lässt sich gut an einem Beispiel unserer Zeit sehen: Der Mann mit Vollbart war lange Zeit eine Fremdmarkierung muslimischer Männer. Sie wurden dadurch erkannt und haben sich auch untereinander erkannt. Die Philosophin Mona Singer hat dazu gesagt: „Fremde kennt man nicht, Fremde erkennt man.“ In den letzten Jahren ist der Vollbart aber zum Hipster-Accessoire geworden. Die Fremdmarkierung des Vollbarts als Merkmal muslimischer Männer ist jetzt nicht mehr ohne Weiteres möglich. Er ist jetzt ein Merkmal des Bekannten. Daran sehen wir, welchen Dynamiken Narrative unterliegen: Sie sind veränderbar.

„In der Politik und in der medialen Berichterstattung liegt wahnsinnig viel Potenzial, neue, vielfältige Erzählungen zu schaffen, die eine andere Welt ermöglichen.“

Neulich ging ein Posting durchs Netz, das die Richterin Raffia Arshad zeigt, die als erste Hijab-tragende Frau in Großbritannien zur Richterin ernannt wurde. Ist das schon Teil eines neuen Narrativs?

Ich glaube, wir müssen hin zu einer Welt, in der Vielfalt gelebte Realität ist. Es braucht Diversität als Normalität. Je mehr wir Marginalisierte auf allen Ebenen sehen, je mehr Präsenz sie haben, desto mehr kommen wir in einer Welt an, in der sich diese Menschen nicht mehr fragen müssen, ob sie so etwas überhaupt jemals erreichen könnten, sondern in der sie ihre Potenziale ausschöpfen können. Geschichten wie die über Raffia Arshad dienen als Vorbilder, also als Spektrumserweiterung von Möglichkeiten.

Wie können sich gesellschaftlich neue Erzählungen durchsetzen?

Vielfalt muss auf allen Ebenen sichtbar werden – in Büchern, Filmen, Songtexten, Kunst und Kultur, aber auch im eigenen Social-Media-Feed. Auch dort kann ich steuern, wer sichtbar ist und wem ich meine Aufmerksamkeit schenke.

Besonders wichtig sind diese vielfältigen Perspektiven in der Wissenschaft. Wenn Wissensproduktion aus einer großen Vielfalt von Wissenschaftler*innen erzeugt wird, dann bereichert das unser Wissen. Und das wirkt in die Politik hinein. Wenn politische Gestaltungsräume dafür geöffnet werden, eine Erzählung zuzulassen, in der sich viel mehr Menschen wiederfinden, als es heute der Fall ist, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter. In der Politik und in der medialen Berichterstattung liegt wahnsinnig viel Potenzial, neue, vielfältige Erzählungen zu schaffen, die eine andere Welt ermöglichen.

Welche Arbeit braucht es in den Communitys Marginalisierter?

Dort braucht es Bestärkung darin, die eigenen Rechte einzufordern. Dazu gehört einerseits, sich nicht damit zufriedenzugeben, wenn man abgelehnt wird und sich mit Rassismen auseinanderzusetzen, die einem widerfahren. Dazu gehört aber auch, dass man jüngere Menschen darin bestärkt, zu träumen und in Visionen zu denken. Es ist wichtig, sich nicht nur vom Status quo herunterziehen zu lassen, sondern zu erkennen, dass ein anderes Leben und eine andere Gesellschaft möglich sind. Darin, für etwas zu sein, liegt viel Kraft.

Wer trägt Verantwortung dafür, diese neuen Narrative zu verbreiten?

Das kann natürlich jede*r individuell in einer privaten Tee-Runde oder im eigenen Social-Media-Feed tun. Je mächtiger aber die Position ist, die man innehat, desto mehr Verantwortung trägt man auch für die Erzählungen, die man verbreitet. Und es reicht nicht, wenn ein Bereich damit anfängt. Wir brauchen diese neuen Narrative auf allen Ebenen: der Politik, der Wissenschaft, den Medien, der Kunst und so weiter.

„Narrative werden von denen geprägt, die besonders privilegiert und mächtig sind. Ihre Verantwortung ist es, das Mikrofon weiterzureichen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die bisher eher wenig gehört wurden.“

Welche Rolle spielen Medienangebote in dem Zusammenhang? Übernehmen die schon genug Verantwortung?

Es wird besser. Aber die Mainstreammedien sind noch weit davon entfernt, einen bewussten Umgang mit den Narrativen zu haben, die sie verbreiten. Nach wie vor werden dort viele Stereotype wiederholt. Je öfter eine Wiederholung stattfindet, desto eher wird sie zur angenommenen Wahrheit.

Hast du ein Beispiel?

Im ORF, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Österreichs, wurde zu Corona-Zeiten eine Grafik gezeigt, in der systemrelevante Berufe zu sehen waren. Die abgebildete Reinigungskraft trug ein Kopftuch, nicht etwa die Ärztin. Die Entschuldigung dazu lautete, dass es ein Fehler war, weil am Ende niemand mehr über die Grafik geschaut habe. Aber das ist genau das Problem. Es geht nicht darum, dass am Ende jemand die Grafik prüfen muss, sondern darum, dass die Redaktion selbst ausreichend interkulturell geschult ist. Eine andere Reaktion, die mir immer wieder begegnet, ist: Wir berichten nur von dem, was ist. Aber das glaube ich nicht. Häufig verwenden Medien bereits erzählte Konstrukte, die nicht hinterfragt, aber immer wieder reproduziert werden. Das zu überwinden ist wichtig, denn die mediale Berichterstattung ist unglaublich wirkmächtig.

Was müsste ein Narrativ leisten, damit es für alle gleichermaßen befähigend ist?

Es braucht eine Erzählung, in der sich jede*r wiederfindet, die Menschen nicht auf einzelne Identitätsmerkmale reduziert und zu der alle beitragen können. Narrative werden von denen geprägt, die besonders privilegiert und mächtig sind. Ihre Verantwortung ist es, das Mikrofon weiterzureichen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die bisher eher wenig gehört wurden.

Aktuell sind wir sehr damit beschäftigt, Ungerechtigkeit aufzuzeigen. Das ist wichtig, aber unsere Auseinandersetzung muss darüber hinausgehen. Wir brauchen einen Austausch darüber, welche Gesellschaft wir eigentlich formen wollen. Wenn die Energie aus den Gegenpositionen frei wird, um aktiv an neuen Narrativen mitzuwirken, dann entsteht ein ungeheures Potential für eine andere Welt.

Zur Person

Amani Abuzahra ist Philosophin, Autorin, Pädagogin und Herausgeberin. Mit ihrem 2017 erschienenen Buch Mehr Kopf als Tuch hat sie vielen Musliminnen und ihren Erzählungen Gehör verschafft. Statt über andere zu sprechen, war Amani wichtig, dass die Frauen selbst sprechen und Raum für ihre eigenen, vielfältigen Narrative bekommen.

¹ Im Auftrag des Instituts zur Zukunft der Arbeit hat Ökonomin Doris Weichselbaumer von der Uni Linz 2016 1.500 fiktive Bewerbungen, in zwei Versionen an Unternehmen in Deutschland verschickt: einmal mit dem deutschen Namen Bauer und einmal mit dem türkischen Namen Öztürk. Auf den jeweiligen Bewerbungsfoto ist dieselbe Frau mit und ohne Kopftuch zu sehen. Beide Schreiben haben aber identischen Inhalt. Die Analyse der Rückmeldungen zeigen eindeutig, dass Bewerberinnen mit Kopftuch und Migrationshintergrund diskriminiert werden. Quelle: Der Standart

² „What you see often becomes a part of your memory“, echoed Ana-Christina Ramón, assistant director of the Bunche Center, „and thus a part of your life experience.“. Quelle: Huff Post

Warum es okay ist, in Meetings zu weinen

Mut

Warum es okay ist, in Meetings zu weinen

Kompetenz im Umgang mit Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Arbeitswelt. Trotzdem haben sie immer noch nicht in allen Organisationen Raum. Deshalb gibt es unsere Kolumne „Es ist okay …“

Wie schaffen wir es, mutig zu sein?

Mut

Wie schaffen wir es, mutig zu sein?

Angst macht ohnmächtig. Mut bedeutet, sich zu trauen – trotz Angst, Unsicherheit oder Gefahr. Das kann ganz unheroisch aussehen. Und: Ein bisschen Angst muss sein.

Sprache der Arbeit

Wirksamkeit

Wie du mit gut formulierten Bitten fast alles bekommst, was du möchtest

In dieser Kolumne untersuchen wir die Feinheiten in der Sprache, die den Unterschied zwischen guter und frustrierender Kommunikation machen. Diesmal geht es um die Frage: Wie kriege ich andere dazu, zu tun, was ich will? Geht das überhaupt ohne Befehle oder Manipulation? Wir zeigen, wie wirksam eine gut formulierte Bitte sein kann.

Ratgeber Frag Frida - Wie verändert man das Mindset einer Organisation?

Wirksamkeit

Wie verändert man das Mindset einer Organisation?

In unserer Kolumne Frag Frida geben wir Antworten auf Fragen, die im Kontext von Selbstorganisation immer wieder auftauchen. Diesmal geht es darum, ob und wie sich eigentlich ein Mindset verändern lässt.